Haltungsbedingungen

Raumangebot

Durch Zusammenlegen von Gehegen und Gemeinschaftshaltung verträglicher Arten kann bei gleich bleibender Gesamtfläche mehr Platz für alle Tiere geschaffen werden Durch Zusammenlegen von Gehegen und Gemeinschaftshaltung verträglicher Arten kann bei gleich bleibender Gesamtfläche mehr Platz für alle Tiere geschaffen werden
Tiergarten Schönbrunn, Wien

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Viel zu kleiner und für Besucher von allen seiten einsehbarer Gibbonkäfig in einem vietnamesischen Kleinzoo, der dem Tier keine Möglichkeit zu artgemßer Bewegung und keine Schutzmöglichkeiten bietet. Bildarchiv Zoo Office Bern
Gehege müssen von Gesetzes wegen eine bestimmte Mindestgröße aufweisen, (siehe hierzu das Säugetiergutachten) denn einmal darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so eingeschränkt werden, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden, andererseits muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend verhaltensgerecht untergebracht werden.

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Nach neuem Säugetiergutachten müssten Zoos für jeden Seehund einen gesonderten Liegebereich von 2-6 m² mit Sichtschutz bereitstellen oder andernfalls eine Gesamtlandfläche von 100 m² für 5 Tiere. Den freilebenden Seehunden im Wattenmeer ist diese Notwendigkeit offenbar entgangen © wwwwattenrat.de
Bei gesetzlich oder behördlich festgelegten Minimal-Raumangeboten besteht die Tendenz, die  Mindestanforderungen ständig zu erhöhen, auch wenn es keinerlei wissenschaftlichen Grundlagen gibt, die für die Notwendigkeit einer Erhöhung sprechen. Oft werden vorhandene wissenschaftlichen Erkenntnisse oder Haltungserfahrung auch nicht beachtet. Das Ergebnis können Vorgaben sein, die ungeeignet, teilweise sogar tierschutzwidrig sind, und die, wenn befolgt, zu Gehegen und Anlagen führen, die von den darin gehaltenen Tieren gar nicht genutzt werden können bzw. deren Verhaltensrepertoire gravierend entgegenstehen (JENSCH et al. 2009).

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Herdenhaltung von Kragenbären (Ursus thibetanus) in einem französischen Zoo. Nach dem deutschen Säugetiergutachten von 1996 hätte man auf einer Fläche von 710 m² 30 Kragenbären halten dürfen © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Oft werden auch Forderungen gestellt, die auf falschen Annahmen beruhen, etwa dass eine sozial lebende Tierart feste Individualabstände habe. Dies trifft nicht zu. Wie beim Menschen auch kann die Individualdistanz zwischen Individuen, die sich mögen, Null sein, währenddem solche, dies sich nicht mögen, einander tunlichst aus dem Weg gehen.

Andererseits werden oft alte Fehler nicht korrigiert. So wird in der Regel eine Mindestgröße für eine Kerngruppe von Tieren festgelegt und für jedes weitere Tier z.B. 10% zusätzlicher Raum gefordert, ohne die Frage zu prüfen, ob es sich um soziale oder um solitäre Tiere handelt. Solche Fehler und Ungereimtheiten im deutschen Säugetiergutachten hat der VdZ im Rahmen seines Differenzprotokolls bemängelt. Natürlicher Weise solitär lebende Tiere sollten einzeln oder nur paarweise oder eventuell in kleinen Gruppen gehalten werden, wobei in den letzteren Fällen Abtrennmöglichkeiten zur Verfügung stehen müssen (siehe auch Präsentation Gehegeflächen für Landbären).

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Das Gehege für Tropenbären des Münsteraner Zoos im Originalzustand © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Beim Bau neuer Gehege orientieren sich Zoos allerdings nicht an Mindestgrößen, sondern streben eine möglichst optimale Haltung an, was ein höheres Raumangebot bedingt (Beispiele dazu unter Gehege und Anlagen). Dabei darf man allerdings nicht dem Irrtum unterliegen, dass das Prinzip "je größer je besser" gelte. Kleinere, aber gut eingerichtete Gehege können die Bedürfnisse ihrer Insassen in der Regel besser abdecken als große, denen aqäquate Strukturen abgehen (MOREIRA et al., 2007). Ab einer bestimmten Gehegegröße nimmt ferner die Lebensqualität für das Tier nicht mehr zu und es können Nachteile auftreten, etwa dadurch, dass eine regelmäßige Gesundheitskontrolle und damit eine zeitgerechte tierärztliche Versorgung bei Krankheit oder Unfall erschwert ist.

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Das Gehege für Tropenbären des Münsteraner Zoos nach Umgestaltung © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Bei alten, räumlich beengten Gehegen schaut durch eine bessere Einrichtung auch bei gleich bleibender Fläche ein Gewinn an Lebensqualität für das Tier heraus. Ein schönes Beispiel dafür ist die Anlage für Malaienbären im Allwetterzoo Münster.

Da Zoos es nicht darauf abgesehen haben, ihre Tiere unter möglichst beengten Verhältnissen zu halten, sind wissenschaftliche Arbeiten, die als Grundlage für gesetzliche Mindestanforderungen dienen können selten. Hilfreich sind Übersichtsuntersuchungen über bestehende Haltungen (z.B. DORNBUSCH et al., 2009), die als Grundlage dafür dienen können, ob und unter welchen Bedingungen tierschutzrelevante Sachverhalte auftreten.

Bei der Überarbeitung des Säugetiergutachtens des BMEL wurden seiten der Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen gegenüber dem Gutachten von 1996 massiv erhöhte Mindestflächen für die Gehege gefordert. Im Falle der Bären auf der Grundlage einer angeblich vom Europäischen Zooverband abgesegneten Formel. Diese Formel war zwar in einem Entwurf enthalten, wurde letztlich aber verworfen. Der VdZ hat dazu eine Präsentation erstellt, in der erläutert wird, weshalb eine solche Formel nicht funktionieren kann.

Gehegeflächen für Landbären

Literatur und Internetquellen:
DORNBUSCH, T. & GREVEN, H. (2009)
JENSCH, B., BAUR, M., BRANDSTÄTTER, F., FRIZ, T., KÖLPIN, T., SCHMIDT, F., SOMMERLAD, R. & VOIGT, K.-H. (2009)
JENSCH, B., BAUR, M., BRANDSTÄTTER, F., FRIZ, T., KÖLPIN, T., SCHMIDT, F., SOMMERLAD, R. & VOIGT, K.-H. (2009A)
MOREIRA, N., BROWN, J.L: MORAES, W., SWANSON, W.F. & MONTEIRO FILHO W.L.A. (2007)

www.saeugetiergutachten.de

PD -08.01.2013; mehrfach aktualisiert

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Gelesen 3197 mal Letzte Änderung am Montag, 05 Dezember 2016 07:49
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