Tiere kommen und gehen

Populationsmanagement

Alterspyramide der Mendesantilopen, EEP-Population 2011 Alterspyramide der Mendesantilopen, EEP-Population 2011
Heiner Engel, Zoo Hannover

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Prinzipien der Tiergartenbiologiedie auf breiterer Basis umgesetzt wurden, wurde die dauerhafte Haltung und Zucht vieler Tierarten, die früher als "nicht haltbar" gegolten hatten, plötzlich zur Selbstverständlichkeit. Da als Folge des Wirtschaftswunders ständig neue Zoos gegründet wurden, war der Absatz der Juntiere vorerst kein Problem. Mit der Zeit wurde es aber immer schwieriger, Nachzuchttiere an geeignete Haltungen abzugeben. Andererseits wurde der Nachschub aus der Wildbahn durch Internationale Artenschutzregelungen und immer strenger werdende Veterinärvorschriften der EU zunehmend eingeschränkt.

Die Zoos sahen sich also mit dem Problem konfrontiert, eine Eigenversorgung aufzubauen und gleichzeitig die Zahl der nicht platzierbaren Jungtiere soweit als möglich zu minimieren. Dazu bedurfte es einerseits der Einrichtung gesamteuropäischer Erhaltungszuchtprogramme, andererseits der Erarbeitung von Entscheidungshilfen für die Regulierung von Zootierpopulationen. Der VdZ verabschiedete 2001 ein Positionspapier über "Ethische und rechtliche Fragen der Regulierung von Tierpopulationen im Zoo". Am 24. Juli 2008 nahmen dann die Mitglieder des VdZ in einer postalische Abstimmung die nachfolgenden Leitlinien zur Regulierung von Tierpopulationen an.

Leitlinien des VdZ zur Regulierung von Tierpopulationen

Präambel

Zoos halten Wildtiere, um einen Beitrag zum Naturschutz zu leisten, u.a. durch:
1. Bildung, Aufklärung und Sensibilisierung der Bevölkerung
2. Haltung und Zucht bedrohter Tierarten zur Bewahrung der biologischen Vielfalt (ex situ)
3. Natur- oder Artenschutzprojekte vor Ort (in situ) und
4. Forschung

Die Tiere werden so gehalten, dass sie in angemessener Weise ihre Bedürfnisse befriedigen und ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können. Ziel sind gesunde, sich selbst erhaltende Tierbestände (Populationen), die auch als Reservepopulationen für ihre im Freiland bedrohten Artgenossen dienen können. Hierzu ist ein effektives Populationsmanagement notwendig. Diese Leitlinien definieren die Position des VdZ zum Umgang mit Tieren in Hinblick auf Abgabe, Kontrazeption, schmerzfreies Töten und treffen Aussagen zu Handaufzuchten.

Populationsmanagement bei Zootieren

Ziel des Populationsmanagements ist die langfristige Erhaltung von genetisch variablen Zuchtgruppen unter Berücksichtigung der limitierten Haltungskapazitäten. Jede Maßnahme, die ein einzelnes Tier betrifft, z.B. Empfängnisverhütung oder Tötung, muss unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Es ist u.a. wichtig, dass die demographische Entwicklung einer Population der klassischen Alterspyramide entspricht. Daher müssen in den Altersklassen der zuchtfähigen und künftig zuchtfähigen Tiere Individuen beiderlei Geschlechts in ausreichender Anzahl vorhanden sein. Eine wichtige Aufgabe der Zoos ist die Arterhaltung z.B. durch Beteiligung an den Europäischen Erhaltungszuchtprogrammen (EEPs). Selbst bei diesen wissenschaftlich organisierten Programmen kann nicht immer für jede einzelne Tierart sichergestellt werden, dass die gewollte Anzahl bzw. das gewollte Geschlecht nachgezogener Tiere entsteht.

Fortpflanzung gewährt den Erhalt vitaler, gegebenenfalls für eine Wiederansiedlung geeigneter Tierbestände. Tiere kann man nur dann nachhaltig züchten, d.h. Inzucht vermeiden und natürliches Verhalten erhalten, wenn man je nach Art spezifische Bestandsgrössen hält. Das erreichen Zoos, indem sie weltweit zusammenarbeiten und ihre Tiere als Teile von Zuchtpopulationen managen. Koordinierte Zuchtprogramme haben deshalb zunehmend Einfluß auf die Tierbestände der Zoos.

Für eine nachhaltige Zucht sind fördernde bzw. einschränkende Maßnahmen (Auslese) notwendig. Dabei sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

Fortpflanzung bereichert das Leben der Tiere (Werbung, Paarbindung, Mutter-Kind-Beziehung, Sozialisation der Jungtiere durch die Erwachsenen und umgekehrt). Eine Verhinderung der Fortpflanzung kann mit Leiden verbunden sein. Sie kann auch zu anhaltender Sterilität führen und deshalb im Rahmen von Zuchtprogrammen nicht geeignet sein. Der Verband Deutscher Zoodirektoren unterstützt die Erforschung der Fortpflanzungsbiologie und damit auch die Möglichkeit der schadens- und leidensfreien Regulation der Vermehrung. Derzeit ist das Verhältnis der Geschlechter und, bei vielen Tierarten, die Wurfgröße nicht beeinflussbar, es werden also überzählige Tiere geboren - so wie es im Freiland auch geschieht.

Da natürliche Bestandsregulierung in Zoopopulationen praktisch keine Rolle spielt, bleiben Zoos folgende Möglichkeiten zur Begrenzung der Bestände:

Tierabgabe

Tiere werden nur an Tierhaltungen abgegeben, die über angemessene Unterbringungsmöglichkeiten und entsprechend ausgebildetes Personal verfügen. Wenn es ein Zuchtprogramm gibt, soll die Abgabe den Empfehlungen der die Zucht koordinierenden Einrichtungen folgen. Dieses kann die Möglichkeiten Tiere abzugeben erheblich einschränken bzw. unmöglich machen.

Kontrazeption

Empfängnisverhütung kann zur Begrenzung der Tierzahlen und zum genetischen Management von Populationen eingesetzt werden. Bei der Entscheidung über die Wahl von Methoden zur Zuchtverhinderung sind die möglichen Auswirkungen auf die Tiergesundheit, das Sozialverhalten und die Populationsentwicklung zu bedenken. Es ist beispielsweise darauf zu achten, dass nicht durch zu lange durchgeführte Kontrazeption eine Überalterung der Zoopopulationen erfolgt.

Schmerzfreies Töten

Überzählige Tiere dürfen getötet werden, wenn nach sorgfältiger Prüfung eine Haltung, die eine angemessene Lebensqualität bietet, nicht gewährleistet werden kann.

Die Tötung der Tiere muss angst- und schmerzfrei erfolgen.

Zoos haben eine Güterabwägung vorzunehmen und die hierbei zu treffenden Entscheidungen auf dem Stand der biologischen Wissenschaften zu treffen. Dabei sind die geltenden Gesetze, die anerkannten Regeln der Zuchtprogramme, die Welt-Zoo- und Aquarium-Naturschutzstrategie sowie gesellschaftlich anerkannte Gründe für das Töten von Tieren zu berücksichtigen.

Künstliche Aufzuchten vs. natürliche Aufzuchten

Grundsätzlich sind natürliche Aufzuchten den künstlichen vorzuziehen; nur die Elternaufzucht stellt die Weitergabe von nicht genetisch fixiertem Verhalten sicher. Je nach Tierklasse/Tierart und Methode der künstlichen Aufzucht kann es zu Verhaltensproblemen kommen, die nicht kompensiert werden können. Künstliche Aufzuchten sollen deshalb, insbesondere bei Säugetieren, grundsätzlich nur in begründeten Fällen vorgenommen werden.

Künstliche Aufzucht ist eine Option bei niedrigen Nachzuchtraten oder geringem Aufzuchterfolg durch die Elterntiere.

Die Entscheidung für oder gegen Handaufzucht ist stets eine Einzelfallentscheidung, bei der die Belange des Tieres, die Belange und Möglichkeiten des Betriebes und die Auswirkungen auf die Population berücksichtigt werden müssen. Wenn es ein Zuchtprogramm gibt, sollten die zuchtkoordinierenden Einrichtungen in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.

Grundsatz

Wissenschaftlich geleitete Zoologische Gärten betreiben Tier- und Artenschutz auf sehr hohem Niveau. Diesen Zielen fühlen sich alle Mitglieder des Verbandes verpflichtet.

Siehe dazu auch WAZA Grundsätze für Ethik und Tierschutz

Literatur:
DOLLINGER, P. (2014)

 Zurück zu Tierhaltung    

Gelesen 4125 mal Letzte Änderung am Dienstag, 14 Juli 2015 08:09
© Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) e.V. hyperworx