Haltungsbedingungen

Vergesellschaftung

Gemeinschaftshaltung von Zebras, Elenantilopen und Straußen (früher) im Zoo Hannover Gemeinschaftshaltung von Zebras, Elenantilopen und Straußen (früher) im Zoo Hannover
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Breitmaulnashörner, Steppenzebras und Pinselohrschweine auf einer Afrika-Anlage im Zoo Osnabrück © Lukas Wittsleker, Pro Zoo
Die Vergesellschaftung unterschiedlicher Arten ist von zoopädagogischem Interesse, erlaubt sie doch zwischenartliche Beziehungen aufzuzeigen, wie z.B. Symbiose oder Biologische Rangordnung (siehe Bild: Elenantilopenbock / Zebras > Elenantilopenkühe > Strauße). Sie ist auch ein probates Mittel zur Verhaltensanreicherung. In der Aquaristik, Terraristik und der Vogelhaltung waren Gemeinschaftshaltungen bereits im 19. Jahrhundert gang und gäbe, wenn auch aus anderen Motiven. Dabei wurden oft zuviele oder nicht zusammenpassende Arten vergesellschaftet mit dem Ergebnis, dass Haltungs- und Zuchterfolge unbefriedigend waren.

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Steppenzebras, Elenantilopen und Große Kudus auf Afrika-Savanne im ZOOM Gelsenkirchen ©i Peter Dollinger, Zoo Office Bern
In den letzten Jahrzehnten haben die Zoos daher im Allgemeinen die Anzahl und Zusammensetzung der Arten auf Wassergeflügelteichen und Stelzvogelwiesen, in Volieren und Freilandterrarien drastisch reduziert.
        
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Parkteil Asien im Tierpark Hagenbeck - Kombination von Vergesellschaftung (Trampeltier und Kropfgazelle) und hintereinander in eine Sichtachse gelegte Gehege © Stephan Hering-Hagenbeck
Gemeinschaftshaltungen unter Beteiligung von Säugetieren sind eher jüngeren Datums. Anfänglich wurden hauptsächlich verschiedene Affenarten miteinander vergesellschaftet, wobei es sich in der Regel um zusammengewürfelte Gruppen von Einzeltieren handelte. Bei den Raubtieren gab es die Haltung von gemeinsam aufgezogenen Löwen und Tigern oder von verschiedenen Bärenarten, letztere mit dem Ergebnis, dass der dominante Eisbärenmann auch mit den Bärinnen sämtlicher anderer Arten kopulierte.

Eher aus praktischen, d.h. fütterungstechnischen, denn aus edukativen Gründen wurden bisweilen Huftiere der unterschiedlichsten Arten und Provenienzen zusammen auf sogenannten "Heufresserwiesen" gehalten. Solche Anlagen gibt es vereinzelt heute noch (BLASZKIEWITZ, B., 2012). Pionier der zoogeografisch konzipierten Gemeinschaftshaltungen war Carl HAGENBECK mit seinem Afrika-Panorama, zu dem auch eine Savanne mit Zebras, Antilopen und Straußen gehörte. Sinnvollerweise sollten solche Anlagen entweder für domestizierte Formen (z.B. Watussirinder, Hängeohrziegen, Somalischafe) oder aber für Wildformen, die im selben Biom, etwa der Savanne, vorkommen. Die Kombination von Haus- und Wildtieren kann zwar in der Praxis durchaus funktionieren, ist aber aus didaktischen Gründen eher abzulehnen (BLASZKIEWITZ, B., 2012).

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Begegnung von Wolf und Syrischem Braunbäre im Natur- und Tierpark Goldau © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
In den letzten Jahren wurden mit Erfolg Huftiere und Zuchtgruppen unterschiedlicher Affenarten miteinander vergesellschaftet, oder Krallenaffen und bestimmte Breitnasenaffen mit südamerikanischen Kleinsäugern, Vögeln und Reptilien.
        
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Gemeinschaftshaltung von Lippenbären und Rhesusaffen - Pressefoto Zoo Leipzig
Mittlerweile gibt es auch funktionierende Kombinationen unterschiedlicher Fleischfresser, etwa von Braunbären und Wölfen, von Malaienbären und Binturongs oder von Brillen- und Nasenbären, ferner von Fleisch- und Pflanzenfressern oder Affen, z.B. Lippenbär und Rhesusaffe, Schwarzbär und Bison, Mähnenwolf und Tapir (DORMAN & BOURNE, 2010), wobei, von spezifischen Ausnahmen abgesehen, nicht Raubtiere mit potenziellen Beutetieren vergesellschaftet werden.

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Eine der vielen Rückzugsmöglichkeiten für die mit Syrischen Braunbären zusammenlebenden Korsakfüchse im Zoo Heidelberg © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Werden sich konkurrenzierende Arten vergesellschaftet wie z.B. Brillenbär und Nasenbär, müssen für die unterlegene Art zweckmäßige Fluchtwege vorhanden sein, für Nasenbären z.B. Bäume mit einer Stammdicke bis zu 20 cm oder gespannte Seile mit einem Durchmesser von mindestens 20 mm, ferner geeignete und gut verteilte exklusive Rückzugsmöglichkeiten (FAIVRE, 1995).

Kriterium für die Vergesellschaftung von Beutegreifer und Beute muss (nach Schweizerischer Tierschutzverordnung) sein, dass Fang und Tötung der Beutetiere unter Bedingungen wie im Freiland erfolgt. Voraussetzung dafür ist, dass das Gehege für beide, Beutegreifer und Beutetier, tiergerecht eingerichtet ist. Dies bedingt, dass ein Teil des Geheges ausschließlich für die Beutetiere zugänglich ist. Für die Vergesellschaft von Viperiden und Zwergmäusen z.B. ist ein ausreichend großes Röhricht aus Getreide-, Schilf- oder Bambusstengeln bis zu 7 mm Dicke und nicht unter 50 cm Höhe vorzusehen, das den Hauptaufenthaltsbereich der Mäuse bilden wird. Fische, die in Teiche in Bärenanlagen eingesetzt werden, müssen sich in Höhlen oder Baumstämmen in Bodennähe des Beckens verstecken können.
        
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Gemeinschaftshaltung von Kalifornischem Seelöwe und Atlantischem Tümmler im Tiergarten Nürnberg - Pressefoto TG Nürnberg
Auch Meeressäuger unterschiedlicher Arten lassen sich vergesellschaften. So schwimmen z.B. in der "Yukon Bay" des Erlebnis-Zoos Hannover Kalifornische Seelöwen (Zalophus californianus), Nördliche Seebären (Callorhinus ursinus) und Kegelrobben (Halichoerus grypus) fredlich miteinander, im Zoo Dortmund Kalifornische Seelöwen und Südamerikanische Seebären (Arctocephalus australis) und in der Delphin-Lagune des Tiergartens Nürnberg gar Kalifornische Seelöwen und Atlantische Tümmler (Tursiops truncatus).

Zahlreiche Beispiele für unterschiedliche Vergesellschaftungen, hauptsächlich in VdZ-Zoos werden von ZIEGLER (2002 und 2002a) gegeben.
        
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Vergrößerung anzeigen - Wird in einem neuen Fenster angezeigt.Vergesellschaftung von Orang und Zwergotter im Tierpark Hagenbeck. Beide Arten haben Gehegebereiche, die nur für sie zugänglich sind © Uwe Wilkens, Hamburg
Gemeinschaftshaltung macht das Leben für die Tiere interessanter. Aber auch gefährlicher, denn auch Tiere bekommen nichts geschenkt. Es können unerwartet Krankheiten von Art zu Art übertragen werden. Unterschiedliche Kampftechniken bei Huftieren können auch bei nicht sehr ernst gemeinten Kämpfen zu schweren, bisweilen tödlichen Verletzungen führen (GRZIMEK, 1956). Raubtiere können sich schon mal an einem Tier vergreifen, das im Freiland nicht zu ihrem Beutespektrum gehört. So war z.B. die Vergesellschaftung von Löwen mit Mangusten oder von Eisbären mit Polarfüchsen selten erfolgreich, auch wenn zahlreiche Verstecke und Fluchtmöglichkeiten eingebaut wurden. Die als Vegetarier angesehenen Kleinen Pandas töten und fressen junge Muntjakhirsche. Trompetervögel delektieren sich an jungen Agutis. Flusspferde, die jahrelang friedlich mit Zebras und Straußen zusammenlebten und gar zusammen mit ihnen spielten, töten ihre Gehegekumpane, wenn sie ins Wasserbecken steigen oder fallen.

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Zwischenartliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Kampftechniken im Zoo Frankfurt. Zoo Archiv

Werden solche Ereignisse bekannt gegeben, rufen sie fast stets den Unmut von Tierfreunden hervor, derselben Leute, die lautstark verlangen, dass Tiere "artgerecht" und "wie in der Natur" gehalten werden sollen. Aber eben: In der Natur werden die meisten Tiere von anderen getötet und dann von diesen oder von anderen gefressen, und das eher früher als später. Warum soll es bei einer naturnahen Haltung im Zoo anders sein?

Literatur:
BLASZKIEWITZ, B. (2012)
DORMAN, N.  & BOURNE, D.C. (2010) 
FAIVRE, C. (1995)
GRZIMEK, B. (1956)
ZIEGLER, T. (2002)
ZIEGLER, T. (2002a)

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PD - 01.01.2011; mehrfach ergänzt

Gelesen 4630 mal Letzte Änderung am Montag, 05 Dezember 2016 07:56
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