Haltungsbedingungen

Ernährung

Futterration für einen Gemischtkostler Futterration für einen Gemischtkostler
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts war über die Ernährung von Zootieren recht wenig bekannt. Einerseits waren viele heute selbstverständliche Erkenntnisse hinsichtlich Ernährungt noch recht jung: Das erste Vitamin war erst 1909 entdeckt worden und erst 1936 wurde erstmals ein Vitamin synthetisiert. Erst 1953 wurde das Institut für Tierernährung Leipzig-Rostock in der damaligen DDR als später Nachfahre der 1879 gegründeten Königlichen landwirtschaftlichen Versuchsstation Möckern gegründet. An der Tierärztlichen Hochschule Hannover gab es ein selbständiges Institut für Tierernährung erst ab 1968, in Wien ab 1971.

haltung 10-3-7-1 schimpanse
Schimpansin Nanettli bei Tisch. Zoo Zürich um 1940. Foto Beringer & Pampaluchi
Andererseits hatte man es mit Tierarten zu tun, über deren physiologischen Bedürfnisse und Ernährung im Freiland man wenig wusste. Futter-Rezepturen wurden daher empirisch und in Analogie zu Diäten verwandter Arten zusammengestellt. Der erste Gorilla auf deutschem Boden, den das Berliner Aquarium Unter den Linden 1876 für den damals riesigen Betrag von 20'000 Mark erworben hatte, wurde daher ähnlich wie ein Mensch ernährt. Sein Speiseplan beinhaltete Frankfurter Würstchen, Käse, Stullen und Weißbier. Dass Menschenaffen damals bei Tisch und mit Löffel essen mussten, kommt noch hinzu.

Nicht vollwertige Ernährung führte dazu, dass viele Tierarten als nicht haltbar galten. Der erwähnte Berliner Gorilla erreichte z.B. nur ein Alter von 16 Monaten. Der erste Zoo, der versuchte, die Zootierernährung auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen, war jener von Philadelphia in den USA. Als Grund- oder Ergänzungsfutter dienten dort vorab standardisierte Futtermischungen in Pellet- oder Kuchenform.  (RATCLIFFE, H.L., 1940). RATCLIFFE, der Leiter des Forschungsinstituts des Zoos gab 1956 eine zusammenfassende Veröffentlichung heraus, in der er die Vorzüge seiner wissenschaftlich fundierten Ernährung darstellte, was dazu führte, dass der Zoo Basel seinen damaligen wissenschaftlichen Assistenten und späteren Vizedirektor Hans WACKERNAGEL für anderthalb Jahre nach Phildalphia "in die Lehre" schickte. Zurück in der Schweiz reformierte WACKERNAGEL die Fütterung der Tiere im Zoo Basel, wobei er eng mit der Firma Hoffmann-La Roche zusammenarbeitete, die seit den 1930er Jahre führend in der Vitaminforschung war. (WACKERNAGEL, H., 1960)

Die Einführung standardisierter Futtermittel, die auf das natürlichen Nahrungserwerbsverhalten der Tiere keine Rücksicht nahmen und kaum Beschäftigungsmöglichkeiten boten, führte in Europa alsbald zu einem Glaubenskrieg, wobei sich HEDIGER (1965), der mit dem Zoo Basel ohnenhin noch eine Rechnung offen hatte, zum Wortführer der Traditionalisten machte. Heute hat sich die Situation diesbezüglich beruhigt und man füttert nach dem Prinzip "das eine tun und das andere nicht lassen", d. h. sorgt durch allenfalls vorfabriziertes Futter dafür, dass die Tiere alle Nahrungskomponenten erhalten, die sie benötigen, verabreicht ihnen aber zusätzlich Beschäftigungsfutter.

Ein Argument der Traditionalisten war, dass die Nahrungsaufnahme für die Tiere eine lustvolle und abwechslungsreiche Tätigkeit sein. Bei dieser Argumentation, die heute noch von Tierschützern mit wenig Tierhaltungspraxis hochgehalten wird, hatten sie aber einen entscheidenden Punkt übersehen: Die meisten erwachsenen Tieren sind hinsichtlich ihrer Ernährungsgewohnheiten sehr konservativ und richten sich nach dem Motto "Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht". Es liegt ihnen also nichts daran, immer wieder neue, vor allem auch noch unbekannte Nahrungsmittel zu schmecken. Sie fressen am liebsten das, was sie in ihrer Jugendzeit als genießbar kennen gelernt haben. (DITTRICH, L., 1977)

Literatur:
DITTRICH, L. (1977)

EGG, G. (1943)
HEDIGER, H. (1965)
RATCLIFFE, H.L. (1940)
RATCLIFFE, H. L. (1956)
WACKERNAGEL, H. (1960)

Diverse Internetquellen zur Historie

Zurück zu Tierhaltung

PD - 09.01.2013

Gelesen 4751 mal Letzte Änderung am Montag, 05 Dezember 2016 07:57
© Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) e.V. hyperworx