Giraffen

Giraffe

Massai-Giraffe im Zoo Basel Massai-Giraffe im Zoo Basel
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Ordnung: Paarzeher (Artiodactyla)
Familie: Giraffenartige (Giraffidae)
Unterfamilie: Steppengiraffen (Giraffinae)

Die Unterfamilie umfasst nur eine rezente Art. Nach einer jüngsten molekulargenetischen untersuchung wird diese allerdings in vier Arten aufgesplittet, was aber in der Roten Liste der IUCN und im Giraffen-EEP bislang nicht übernommen wurde.

Red list status least concern

Giraffe

Giraffa camelopardalis
Engl.: The Giraffe
Franz.: La girafe
    
Angolagiraffen im Zoo Dortmund © Zoo Dortmund
Angolagiraffen (Giraffa c. angolensis) im Zoo Dortmund © Zoo Dortmund
Als Art ist die Giraffe nicht als gefährdet eingestuft (Rote Liste: LEAST CONCERN), einzelne Unterarten sind aber stark bedroht, so die Westafrikanische und die Rothschild-Giraffe, welche einen Wildbestand von weniger als 300 bzw. 1'100 Tieren haben und  als "ENDANGERED" geführt werden. Die Kordofan-Giraffe gilt zwar noch nicht als gefährdet, lebt aber in einem Krisengebiet und hat nur noch einen Bestand von rund 3'000 Tieren. Ebenfalls offiziell noch nicht als gefährdet eingestuft ist die Netzgiraffe, deren Bestand von 28'000 Tieren im Jahr 1998 innerhalb von 15 Jahren um über 80% auf noch 4'700 Individuen eingebrochen ist.

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Verbreitung der Giraffenunterarten, nach http://www.giraffeconservation.org modifiziert
Der Internationale Handel ist nicht unter CITES geregelt, die Einfuhr aus Afrika ist aber aus tierseuchenrechtlichen Gründen kaum noch möglich.
   
Verbreitung: Savannen Afrikas: Angola, Äthiopien, Botswana, Burkina Faso, Demokratische Republik Kongo (Zaire), Eritrea, Kamerun, Kenia, Namibia, Niger, Nigeria, Sambia, Simbabwe, Somalia, Südafrika, Sudan, Tansania, Tschad, Uganda, Zentralafrikanische Republik. Ab 1986 angesiedelt in Ruanda. Ausgestorben oder vermutlich ausgestorben in Guinea, Mali, Mauretanien, wieder angesiedelt in Mosambik, Senegal und Swasiland (ab 1965), wobei umstritten ist, ob die Giraffe ursprünglich in Swasiland vorkam oder erst um 1896 bei einem Rindepest-Seuchenzug ausstarb (MARAIS et al.2014).

Unterarten und Bestände:
1 - Westafrikanische oder Nigeria-GPM 2013-06-26 wilhelma giraffe
Junge Netzgiraffe (Giraffa c. reticulata) in der Wilhelma Stuttgart - Pressefoto Wilhelma
iraffe (G. c. peralta) < 300
2 - Kordofangiraffe (G. c. antiquorum) < 3'000
3 - Nubische Giraffe (G. c. camelopardalis) < 650
4 - Netzgiraffe (G. c. reticulata) < 4'700
5 - Rothschild- oder Baringogiraffe (G. c. rothschildi) < 1'100
6 - Massaigiraffe (G. c. tippelskirchi) < 37'000
7 - Thornicroft-Giraffe (G. c. thornicrofti) < 1'000
8 - Angolagiraffe (G. c. angolensis) < 20'000
9 - Kapgiraffe (G. c. giraffa) < 12'000

Haltung in VdZ-Zoos:PM 2014-05-26 OpelZoo Giraffe
Geburt einer Rothschildgiraffe (G. c. rothschildi) im Opel-Zoo Kronberg © Opel Zoo

Angolagiraffe (G .c. angolensis): Dortmund
Netzgiraffe (G. c. reticulata): Berlin-Zoo, Duisburg, Erfurt, Frankfurt, Karlsruhe, Köln, München, Münster, Neunkirchen, Nürnberg, Osnabrück, Saarbrücken, Stuttgart
Rothschild-Giraffe (G. c. rothschildi): Berlin-Tierpark, Berlin-Zoo, Gelsenkirchen, Hamburg, Hannover, Kronberg, Leipzig, Magdeburg, Neunkirchen, Saarbrücken, Schmiding, Schwerin, Wien (außerhalb Zoo)
Kordofangiraffe (G. c. antiquorum)Rothschildgiraffe auf der neuen Afrikasavanne im Opel Zoo © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Rothschild- oder Baringogiraffe (Giraffa c. rothschildi) auf der neuen Afrikasavanne im Opel Zoo © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
: Basel, Dresden
Keine Unterart: Erfurt, Osnabrück, Saarbrücken

Seit 1991 besteht ein Europäisches Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für sechs Unterarten. Der EEP-Bestand an Rothschildgiraffen umfasst rund 400 Tiere.
       
Tiertransport aus dem Sudan am Alten Pferdemarkt, 1870 © Tierpark Hagenbeck
Tiertransport mit Kordofangiraffen (Giraffa c. antiquorum) aus dem Sudan am Alten Pferdemarkt, 1870 © Tierpark Hagenbeck
Besonderes: Löwen sind die Beutegreifer, die am erfolgreichsten Giraffen jagen und zwar sowohl Junge wie Erwachsene.Letztere sind für den Löwen nicht ganz risikolos, da sie ihn mit Hufschlägen vorübergehend außer Gefecht setzen oder gar töten können. Mehr als die Hälfte aller im Freiland geborenen Giraffen stirbt noch im Jugendalter, dabei sind Löwenangriffe eine der wichtigsten Todesursachen (BROWN, 2014). Wenn also ein Zoo eine für die Zucht nicht verwendbare junge Giraffe rasch und schmerzlos  tötet und an die Löwen im eigenen Bestand verfüttert, macht er sich damit zwar unbeliebt, aber er setzt etwas tierschutzkonform um, was in der Wildbahn regelmäßig stattfindet.

Die erste lebende Giraffe wurde im Jahr 46 v. Chr. von GAIUS JULIUS CAESAR nach Europa gebracht (HEDIGER, 1938). Auch Giraffenfleisch war schon damals ins Römische Reich importiert worden: US-Archäologen fanden in Abfallhalden der damals beliebten Einkaufsmeile am Stabiae-Tor in Pompeji Giraffenknochen. Dort ballten sich seit dem vierten Jahrhundert vor Christus eine Menge Geschäfte, Schnellimbisse und Restaurants, und dort entdeckten die Forscher von heute die Reste einer metzgerisch tadellos aufbereiteten Giraffenkeule (DiePresse.com vom 08.01.2014).

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Kordofangiraffe (Giraffa c. antiquorum) im Zoo Basel. Pressefoto Zoo Basel
Die im 19. Jahrhundert in Europa gezeigten Giraffen stammten vorab aus dem Sudan. So wurde die im Jahr 1828 vom Vizekönig von Ägypten der Wiener Menagerie geschenkte Giraffe im Darfur gefangen, war also eine Kordofangiraffe (G. c. antiquorum). Das Tier war am 30. März 1828 in Alexandria verladen worden und traf am 27. April in Venedig ein, wo eine 40-tägige Quarantäne durchgeführt wurde. PM 2013-04-18 berlinTP giraffe carlosFrey
Rothschild-Giraffe (Giraffa c. rothschildi) mit Jungtier im Tierpark Berlin © Carlos Frey, Berlin
Dann ging es abermals per Schiff weiter nach Fiume (heute Rijeka), wo die Giraffe am 15. Juni eintraf und von dort zu Fuß - mit Schnürschuhen an den empfindlichen Hufen - bis Karlovac, wo sie auf einen eigens konstruierten Wagen verladen und über Zagreb, Varazdin, Szombathely, und Sopron nach Wien gekarrt wurde. Am 7. August 1828 kam das Tier wohlbehalten in Schönbrunn an. Der Tiergarten konnte die Menschenmassen kaum aufnehmen und alles mußte plötzlich "à la Giraffe" sein: Mode, Frisuren, Aschenbecher, Trinkgefäße.
    
Netzgiraffe im Zoo Schmiding © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Netzgiraffe (Giraffa c. reticulata) im Zoo Schmiding © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Ein eigenes Gebäck, die "Giraffeln" wurden erfunden; man spielte das Giraffen-Klavier und tanzte den Giraffen-Galopp. Das dazupassende Theaterstück fiel bei den Wienern allerdings durch und wurde "ausgezischt". Ähnliches Aufsehen hatte ein Jahr zuvor eine Giraffe in Frankreich erregt, die von Ägypten bis Marseille mit dem Schiff transportiert wurde und danach den Landweg nach Paris zu Fuß zurücklegen musste (HEDIGER, H., 1938). Der ersten Wiener Giraffe war übrigens kein langes Leben vergönnt. Sie starb 10 Monate nach ihrer Ankunft an Knochentuberkulose (KUNZE, 2000).

Später wurden hauptsächlich Nubische Giraffen (G. c. camelopardalis) aus dem Ostsudan und Äthiopien importiert, so durch die Firmen Hagenbeck und Ruhe. Danach folgten Kapgiraffen aus Südafrika. In der Mitte des 20. Jahrhunderts war die Massai-Giraffe (G.c. tippelskirchi) die im deutschsprachigen Raum dominierende Unterart. 1969 wurde sie in Basel, Berlin-Zoo, Dresden, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Leipzig und 119-007-001-001 G c antiquorum DD PD
Kordofangiraffe (Giraffa c. antiquorum) im Zoo Dresden © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
München gehalten (KRUMBIEGEL, 1971). Die Tiere stammten hauptsächlich aus dem heutigen Tansania, wo sie z.B. im Auftrag des Schweizer Tierhändlers August Künzler gefangen wurden (LANG, 1994). 2011 wurde auch die letzte Gruppe von Massaigiraffen in Europa, nämlich jene im Zoo Basel aufgegeben, weil für die weitere Zucht keine blutfremden Tiere zur Verfügung standen. Dominierende Unterarten sind jetzt die Rothschild- und die Netzgiraffe.

Das Säugetiergutachten 2014 des BMEL fordert für vier Giraffen Einzelboxen von 30 m² pro Tier und einen gemeinsamen Innenlaufbereich von 200 m². Können die Einzelboxen miteinander verbunden werden, kann deren Fläche auf den Innenlaufbereich angerechnet werden. Gegenwärtig ergibt  sich aus der Kombination von Einzelboxen und Gemeinschaftsstall nur bei wenigen Giraffenhaltungen in Deutschland eine Innenlauffläche von 200 m². Es sind jedoch als Folge der aktuell angebotenen Flächen keine tierschutzrelevanten Sachverhalte bekannt. Die im vorliegenden Gutachten vorgegebenen Flächen entbehren somit nicht nur einer Grundlage, sondern liegen auch noch deutlich über den „Best Practice“-Leitlinien der EAZA (2006), die für 4 Giraffen einen Gemeinschaftsstall von 64-100 m² sowie drei Absperrboxen von 16-25 m² empfehlen. Nicht berücksichtigt wurde ferner im ersten Absatz, dass nicht nur durch einen Innenlaufbereich, sondern auch durch eine gedeckte Außenveranda ein für die Tiere bei Schnee- oder Eisglätte nutzbarer Laufbereich geschaffen werden kann, was in verschiedenen VdZ-Zoos der Fall ist und worauf im dritten Absatz hingewiesen wird. Die räumlichen Vorgaben des Gutachtens sind deshalb als unbegründet als abzulehnen, dagegen ist eine Angleichung der Gehegeabmessungen an jene der Schweizerischen Tierschutzverordnung (Stand 2013) vertretbar: (allenfalls verbindbare) Einzelboxen mit Sichtkontakt 25 m² pro Tier, zusätzlich Innenlaufbereich oder gedeckte Veranda von 80 m² pro Gruppe.

Auch die Anforderung an das Außengehege wurde mehr als verdoppelt (von 500 m²/6 Tiere auf 1000 m²/4 Tiere, obwohl bereits aufgrund einer Arbeit aus dem Jahr 1998 hervorgeht, dass dies nicht erforderlich ist (STOLZE, 1998). Auch eine chronoethologische Untersuchung bei sechs Giraffen in der ZOOM-Erlebniswelt Gelsenkirchen hat ergeben, dass sich die Tagesaktivität bei artgemäßer Fütterung (hoher Laubanteil) zu 48% aus Fressen, zu 24% aus Wiederkäuen, zu 9 % aus dem Beobachten der Umgebung und zu 6% aus sozialen interaktionen zusammensetzt. Laufaktivitäten machten nur 10 % des Zeitbudgets aus. Laufstereotypien ("Pacing") wurden nur abends bei drei Tieren beobachtet, wenn die Giraffen darauf warteten, in den Stall gelassen zu werden (SCHÜSSLER et al., 2015).

Doktor-, Diplom- und Examensarbeiten:
ABDEL-GAWAD, E. (2007)
BEUTH, R. (2015)
ENGELS, S. (2008)  
GIEBEL, N. (2014)  
GUSSEK, I. R. (2016)
HEIMANN, K. (2014)
HENNE, M. (2013)  
HENNIG, A. (2014)
HURGITSCH, B. (2011)    
KINZ, U. (2012)  
KULAWIG, B. (2014)
LETZNER, G. (1987)  
LUGT, VAN DER, A. (2015)
NEUMANN, G. (2002)
RAMSNER, K. (2011)  
REITER, S. (2010)   
SCHAUB, E.D. (2004)  
SCHMUCKER, S. S. (2004)
SICKS, F. (2012)  
STOLZE, M. (1998)
VINATZER, B. (2012) 
WEITKAMP, M. (2016)
WOLF, H. (1995)

Literatur und Internetquellen:
BROWN, D. (2014)
EAZA Giraffe EEPs (2006)
HEDIGER, H. (1938)

JEBRAM, J. (2012)
KRUMBIEGEL, I. (1971)
KUNZE, G. (2000)
LANG, E. M. (1994) 
MARAIS, A., FENNESSY, S. & FENNESSY, J. (2014)
MARTIN, L. (2013)   
SCHÜSSLER, D., GÜRTLER, W.-D. & GREVEN, A. (2015)

Giraffe Conservation Foundation
    
PD - 11.02.2009; mehrfach aktualisiert

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Gelesen 11459 mal Letzte Änderung am Sonntag, 18 September 2016 08:50
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