Rinder

Wisent

Wisentkuh im Tierpark Goldau Wisentkuh im Tierpark Goldau
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Ordnung: Paarzeher (Artiodactyla)
Familie: Hornträger (Bovidae)
Unterfamilie: Echte Rinder (Bovinae)

Zur Gattung Bison  gehören zwei Arten, von denene je eine gefährdet bzw.potenziell gefährdet ist. Beide Arten werden in VdZ-Zoos gezeigt.

Red list status vulnerable

Wisent

Bison bonasus
Engl.: The European Bison
Franz.: Le bison d'Europe

119 009 001 002 bison bonasus bayerwald PD
Wisente im Tierpark Bayerwald © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Gefährdete Tierart (Rote Liste: VULNERABLE). Die Art war in freier Wildbahn ausgestorben und wurde mit Tieren aus Zoobeständen wieder angesiedelt.

Die Art fällt nicht unter CITES. Geschützt nach den Anhängen II und IV der Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen (FFH-Richtlinie).

Verbreitung: Deutschland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Slowakei, Ukraine, Weißsrussland, außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebiets in Kirgistan
119-009-001-002 bison bonasus TPBerlin KR
Bisonbulle (Bison bonasus) im Tierpark Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

Haltung in VdZ-Zoos: Altschönau, Berlin-TP, Berlin-Zoo, Bern, Bernburg, Chemnitz (Wildpark Oberrabenstein), Cottbus, Duisburg, Eberswalde, Goldau, Innsbruck, Karlsruhe-Oberwald, Langenberg,  Neumünster, Nürnberg,  Rostock, Straubing, Stuttgart, Tallinn, Wien (Schloss Hof).

119-009-001-002 bison bonasus altamira
Jungpaläolithische Wisentdarstellung in der Höhle von Altamira, Kantabrien. Bild Public Domain
Europäisches Erhaltungszuchtprogramm (EEP) seit 1995.

Wisent aus Conrad Gesners Thierbuch
Wisent aus Conrad Gesners Thierbuch
Besonderes: Der Wisent ist das größte rezente Wildtier Europas. Voll ausgewachsene Bullen können ein Gewicht von bis zu 920 kg, erwachsene Kühe von bis zu 640 kg erreichen. Bis in die Völkerwanderungszeit war die Art in Europa weit verbreitet. Mit der intensivierten Rodungstätigkeit ab dem Frühmittelalter wurde das Areal rasch auf die vom Menschen dünner besiedelten Gebiete Osteuropas eingeengt. Um 400 n.Chr. wird der Wisent noch in den Pyrenäen erwähnt. Im 6. Jahrhundert war er in Frankreich schon so selten, dass die Jagd den Frankenkönigen vorbehalten blieb. Im 11. Jahrhundert starb er in England aus (HAUSMANN & ZENTNER, 2008).

119-009-001-002 bison bonasus chemnitz
Wisentkalb (Bison bonasus) im Tierpark Chemnitz - Pressefoto TP Chemnitz
Im Süden des deutschen Sprachgebiets kam die Art bis ins 11. Jahrhundert vor, wie die "Benedictiones ad Mensas" des Klosters Sankt Gallen und der Ortsname "Wiesendangen" (Kanton Zürich), ursprünglich "Wisuntwang" - Wisent-Aue - bezeugen (KLEINLOGEL, 2009). Bis 1200 finden wir den Wisent noch in Bayern und Österreich, aber zu Beginn der Neuzeit gab es ihn nur noch in Polen, Siebenbürgen und im Herzogtum Preußen, wo zwischen 1729 und 1742 noch 42 Wisente erlegt oder für Hetztheater eingefangen wurden. Die letzten preußischen Wisente lebten in den Wälderrn bei Labiau und Tilsit. Hier fiel dass letzte Tier 1755 einem Wilderer zum Opfer. In Sachsen, wohin einige Wisente als Staatsgeschenke gelangt waren, gab es dann den letzten Bestand auf deutschem Boden, der 1793 erlosch (HAUSMANN & ZENTNER, 2008).
    
Wisentkuh im Tierpark Bern © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Wisentkuh im Tierpark Bern © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in Europa noch zwei freilebende Wisentpopulationen: Den Flachlandwisent im Urwald von Bialowieza an der polnisch-weißrussischen Grenze und den Kaukasuswisent. Vom Flachlandwisent gab es bei Ausbruch des 1. Weltkriegs 737 Tiere. Der Bestand litt stark während der Kriegswirren, und als die Deutschen 1916 die Verwaltung des Bialowieza-Waldes übernahmen, waren nur 150 Tiere übrig. Dank strengem Schutz wuchs der Bestand bis 1918 wieder auf 200 Tiere an. Währen der letzten Kriegstage erschossen jedoch die auf dem Rückzug befindlichen deutschen Truppen alle Wisente bis auf 20 Stück, die anschließend polnischen Wilderern zum Opfer fielen. Am 9. Februar 1921 wurde der letzte freilebende Flachlandwisent getötet.

Verbreitung des Wisents 2004
Verbreitung des Wisents 2004
Im Kaukasus wurde der Wisent von bolschewistischen Revolutionären verfolgt, weil er als ein Symbol der Aristokratie galt. 1925 wurde der letzte Kaukasuswisent getötet und damit war die Art in freier Wildbahn ausgestorben. Zum Glück hatten einige Wisente in menschlicher Obhut überlebt. Der damalige Direktor des Frankfurter Zoos, Dr. Kurt Priemel, erstellte ein Inventar der Überlebenden und hatte mit Stichtag 15. Oktober 1922 56 Tiere (27 Bullen und 29 Kühe) registriert, die auf 12 Gründertiere zurückgingen. Vom 25.-26. August 1923 fand dann in Berlin eine Tagung aller Wisenthalter statt, an der die “Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents” gegründet wurde. Kurt Priemel wurde zum ersten Präsidenten gewählt und der Direktor des Tierparks Hellabrunn, Heinz Heck, übernahm die Funktion des Zuchtbuchführers.

Wisentkuh im Tierpark Bern © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Wisentkuh im Tierpark Bern © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Das erste Internationale Zuchtbuch wurde 1932 veröffentlicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg, der dem Wisentbestand arg zugesetzt hatte, nahmen Dr. Jan Zabinski vom Warschauer Zoo und Dr. Erna Mohr vom Zoologischen Museum Hamburg die Arbeit am Zuchtbuch wieder auf, das dann der Schirmherrschaft des Internationalen Zoodirektorenverbandes (heute WAZA) unterstellt wurde. 1951 gab es wieder 135 Wisente, davon 65 in Polen, 22 in der Sowjetunion, 24 in drei Haltungen in Schweden und 24 in sechs anderen europäischen Institutionen (MOHR, 1952). 1956 erfolgte die erste Wiederansiedlung im Bialowieski Nationalpark. Ein Jahr später wurde die halbwilde Herde auf dem Damerower Werder in Mecklenburg begründet. 1974 überschritt der Wisentbestand die Marke von 1500 Tieren. 25 % der Wisente lebten in Zoos, 30 % in Wildgattern 45 % in freier Wildbahn.
stamp ddr wisent tierpark
Briefmarke mit Wisentmotiv. DDR

Für 2007 wies das Internationale Zuchtbuch 1817 reine Flachlandwisente und 1993 Tiere der Kaukasus-Flachland-Linie aus. Davon lebten 1443 Tiere in Gehegen und 2367 in 31 freilebenden und 4 halbfreien Herden. Heute gibt es wieder etwa 4000 Tiere. Die Art wird aber immer noch als gefährdet (VULNERABLE) eingestuft. Die größten wilden Bestände leben in Polen und Weißrußland.

Wisent und Bison lassen sich problemlos kreuzen. In den ersten Jahren des Erhaltungzuchtprogramms wurde versucht, den Wisentbestand durch den Einsatz von Bisonkühen in einer Verdrängungszucht zu erhöhen. Glücklicherweise wurden diese Bestrebungen aufgegeben, sobald ausreichend reinblütige Tiere verfügbar waren. Heute gibt es nur noch zwei freilebende Hybridpopulationen im Zentralteil des Kaukasusmassivs, die auf 1.4 Mischlinge aus Askania Nova zurückgehen, deren Wisent-Blutanteil durch Zuführung von Wisentbullen der Kaukasuslinie erhöht wurde.

Erste Kreuzungsversuche von Wisent und Hausrind wurden von 1847 bis 1859 im damaligen Ostpolen (heute Weißrussland) mit dem Ziel unternommen, starke Zugrinder zu züchten. Von 1958-1976 wurde in Bialowieza eine Hybridzucht Wisent-Hausrind betrieben, um verschiedene wissenschaftliche Fragen zu klären. Die Hybriden erwiesen sich als größer als die Ausgangstiere, der schwerste Bulle erreichte ein Gewicht von 1'030 kg, die schwerste Kuh von 880 kg. Es zeigte sich auch, dass männliche Tiere der F1-Generation unfruchtbar waren. Weibliche Tiere mussten also für weitere Generationen mit einer der Ausgangsarten verpaart werden. Je nach eingesetzter Hausrindrasse war das Aussehen der Hybriden sehr unterschiedlich (KRASINSKA & KRASINSKI, 2008).

Artenschutzprojekte: Im Mai 2005 sandten der Natur- und Tierpark Goldau und der Tierpark Dählhölzli Bern je zwei Wisente und im November 2008 der Natur- und Tierpark Goldau zwei weitere Tiere nach Rumänien, wo sie im Vanatori-Neamt-Naturpark ausgewildert wurden. Die Kosten beliefen sich für Bern auf 50'000 €, für Goldau auf 100'000 €. Aus diesen beiden Parks kamen auch die ersten Wisente, die abs 2012 in den polnischen Karpaten angesiedelt wurden. Goldau beteiligte sich ferner an einem Wiederansiedlungsprojekt im Poloniny-Nationalpark in der Slowakei, Bern, der Tierpark Chemnitz, der Zoo Dortmund sowie die Wildparks Schwarze Berge (Rosengarten-Vahrendorf), Springe, Langenberg (Zürich) und Winterthur an einer Wiederansiedlung im Okski-Biosphären-Reservat in Russland. In Deutschland gibt es mittlerweile einige Großgehege, in denen Wisente quasi unter Freilandbedingungen leben. So lieferte z.B. im Dezember 2005 der Tierpark Berlin zwei Wisente für ein 1000 ha großes Gatter im Arenberger Leonorenwald (Niedersachsen). Auch im Cuxhavener Küstenheiden werden aus Zoo und Tierpark Berlin stammende Wisente in einem Großgatter gehalten. Ein umfangreiches Projekt ist im Rothaargebirge auf einer Fläche von 4'326 ha am Anlaufen, das unter Mitwirkung von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg realisiert wird. Ab Frühjahr 2010 wurden ein Dutzend Wisente aus verschiedenen Haltungen - darunter der Zoo Rostock - in ein 90 ha grosses Auswilderungsgehege eingesetzt. Seit 2013 laufen die Tiere frei, wobei sie ihr Streifgebiet kontinuierlich ausweiten. 2015 sandte der Zoo Osnabrück je einen Wisentbullen für ein Beweidungsprojekt an das  Naturschutzgebiet Cuxhavener Küstenheiden sowie in die Schorfheide.

Literatur:
GRIMMBERGER & RUDLOFF (2009)
HAUSMANN, R. & ZENTNER, F. (2008)
KLEINLOGEL, Y. (2009)
KRASINSKA, M. & KRASINSKI, Z. A. (2008)
MOHR, E. (1952)

 EUR-03 bialowieza wisent BS
Wisente (Bison bonasus) im natürlichen Lebensraum. Bialowieza-Nationalpark © Bernd Schildger, Tierpark Bern

PD - 22.02.2009; mehrfach aktualisiert

Zurück zu Paarzeher

Weiter zu Gaur (Bos gaurus)

Gelesen 7916 mal Letzte Änderung am Sonntag, 30 Oktober 2016 17:01
© Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) e.V. hyperworx