Schaf- und Ziegenartige

Alpensteinbock

Alpensteinbock im Natur- und Tierpark Goldau Alpensteinbock im Natur- und Tierpark Goldau
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Ordnung: Paarzeher (Artiodactyla)
Familie: Hornträger (Bovidae)
Unterfamilie: Ziegenartige (Caprinae)
Tribus: Ziegenverwandte (Caprini)

Die Gattung Capra zählt nach WILSON & REEDER (2005) acht, nach der Roten Liste der IUCN neun Arten. Von den neun Arten sind drei stark gefährdet, zwei gefährdet und eine potenziell gefährdet. Andere Autoren betrachten alle Steinböcke als Unterarten einer einzigen Art, denn alle Formen hybridisieren problemlos und ihre Verbreitungsgebiete überschneiden sich nicht. Bis auf den Abessinischen und den Spanischen Steinbock werden alle Arten in VdZ-Zoos gezeigt.

D LC 650

Alpensteinbock

Capra ibex
Engl.: The Alpine Ibex -
Franz.: Le bouquetin des Alpes
    
Alpensteinbockkitze im Zoo Augsburg © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Alpensteinbockkitze im Zoo Augsburg © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Ehemals von der Ausrottung bedroht, ist der Alpensteinbock heute sicher (Rote Liste: LEAST CONCERN). Dies dank Wiederansiedlungen und konsequentem Schutz.

Der internationale Handel ist durch CITES nicht geregelt. Aufgeführt in Anhang V der Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen (FFH-Richtlinie).

Verbreitung: Alpenraum: Frankreich, Italien, Schweiz, Liechtenstein, Deutschland, 119-009-035-003 capra ibex map
Verbreitung des Alpensteinbocks (Capra ibex). Dunkelblau: letzte autochthone Population; rot: wiederangesiedelte Populationen; schwarz: außerhalb des rezenten Areals angesiedelte Populationen
Österreich, Slowenien. Außerhalb der Alpen in Bulgarien angesiedelt.
    
Haltung in VdZ-Zoos: AugAlpensteinwild (Capra ibex ibex) im Natur- und Tierpark Goldau. Aus diesem Bestand wurden mehrmals Tiere für Wiederansiedlungen zur Verfügung gestellt © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Alpensteinwild (Capra ibex ibex) im Natur- und Tierpark Goldau. Aus diesem Bestand wurden mehrmals Tiere für Wiederansiedlungen zur Verfügung gestellt © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
sburg, Berlin-Tierpark, Bern, Goldau, Görlitz, Hoyerswerda, Innsbruck, Langenberg, München, Nürnberg, Salzburg, Stuttgart

Besonderes: Bis ins 16. Jahrhundert war der Alpensteinbock weit verbreitet, von den französischen Alpen über Italien und die Schweiz bis ins Salzburgische und nach Kärnten. Die alpenländische Bevölkerung jagte die Steinböcke wegen ihres Fleisches, ihrer Haut und Trophäen, und weil manchen Körperteilen medizinische Bedeutung zugeschrieben wurde. Die Entwicklung wirksamerer Schusswaffen hatte daher katastrophale Auswirkungen auf die Steinbockbestände im ganzen Alpenraum, und um die Mitte des 19. Jahrhunderts war der Steinbock überall ausgestorben, außer im zwischen dem Piemont und dem AostaFreilassung von Steinböcken in den Julische Alpen © CS, Wildnispark Zürich
Freilassung von Steinböcken in den Julische Alpen © CS, Wildnispark Zürich
tal gelegenen Gran Paradiso-Massiv (GIACOMETTI, 2006).
   
1821, als diese letzte Kolonie auf nur 50 bis 60 Tiere zusammengeschrumpft war, erließ der Graf von Turin, Thaon di Revel, erste Steingeissen im Berner Oberland © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Steingeissen im Berner Oberland © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Schutzmassnahmen. 1836 wurde der Gran Paradiso zum königlichen Jagdrevier erklärt und König Vittorio Emmanuele II stellte eine grosse Zahl guardie  reali  - königliche Wildhüter - ein. Diese konnten die Wilderei zwar nicht ganz verhindern, trotzdem wuchs der Bestand rasch an und umfasste gegen Ende des 19. Jahrhunderts 3000 Tiere, wovon der König und seine Jagdgäste jährlich etwa 100 bis 120 Böcke erlegten. 1920 schenkte König Vittorio Emmanuele III 2'100 ha seines Reviers dem Staat, und im Dezember 1921 wurde der Gran Paradiso zum ersten Nationalpark Italiens proklamiert. Heute umfasst der Park 70'000 ha. Ihren maximalen Bestand erreichte die Steinbockpopulation des Gran Paradiso im Jahr 1993 mit 4990 Tieren. Seitdem nahm die Population kontinuierlich ab und lag 2010 bei noch 2420 Individuen. Die Abnahme ist hauptsächlich durch eine erhöhte Jungtiersterblichkeit bedingt (1981-1990: 42%; 2001-2010: 64%), die möglicherweise mit durch den Klimawandel bedingten Veränderungen der Vegetation zusammenhängt (HARDENBERG, A. VON, 2011).
    
In der Schweiz bestand ein großes Interesse, den Steinbock wieder heimisch zu machen. Da keine reinblütigen Tiere verfügbar waren, wurde ab 1815 versucht, SteinAlpensteinbockkitze im Zoo Augsburg © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Alpensteinbockkitze im Zoo Augsburg © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
bock-Hausziegenbastarde auszuwildern, allerdings ohne Erfolg. Das 1875 in Kraft getretene erste eidgenössiche Jagdgesetz verpflichtete die Eidgenossenschaft, eine Wiederansiedlung des Steinbocks mit reinblütigen Tieren zu betreiben. 1892 wurde der Wildpark “Peter und Paul” bei St. Gallen eröffnet und danach wurde versucht, reinblütige Steinböcke aus Italien zu erwerben. Nachdem die italienischen Behörden offizielle Ansuchen der Schweiz abgelehnt hatten, entschloss man sich, vom Wilderer Gabriele Bérard angebotene illegale Tiere zu erwerben. 1906 kamen die ersten drei Kitze in der Schweiz an und wurden erfolgreich von Hand aufgezogen. Weitere von stamp ch ibex
Briefmarke mit Alpensteinbockmotiv. Schweiz
Gabriele Bérard und seinem Sohn Giuseppe gelieferte Kitze folgten, und schließlich hatte auch der italienische Staat ein Einsehen und genehmigte offiziell die Ausfuhr einer Anzahl Tiere. Insgesamt wurden bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs mindestens 109 Steinböcke aus Italien eingeführt.
    
Die mit der Flasche aufgezogenen Kitze verblieben als Zuchttiere im Wildpark „Peter und Paul“ oder im 1913 gegründeten Alpenwildpark Interlaken Harder. Bereits 1911 konnte „Petstamp ch ibex2
Briefmarke mit Alpensteinbockmotiv. Schweiz
er und Paul“ Nachzuchten für einen Wiederansiedlungsversuch in den Grauen Hörnern (St. Gallen) zur Verfügung stellen, 1914 für einen weiteren, missglückten Versuch im Piz d’Ela-Massiv (Graubünden) und 1920 wurden die ersten sieben Steinböcke im Schweizerischen Nationalpark ausgelassen. Zwei Geißen verschwanden rasch und tauchten 27 km südlich am Piz Albris bei Pontresina wieder auf. Danach wurden elf weitere Tiere in Pontresina freigelassen. Daraus entwickelte sich die erfolgreichste Kolonie der Schweiz. 1921-24 wurde, mit 15 Tieren aus Interlaken, am Augstmatthorn die erste Kolonie im Berner Oberland begründet. 1928 erfolgte die erste Wiederansiedlung im Wallis, wo sich am Mont Pleureur eine äußerst erfolgreiche Kolonie entwickelte. Bis 1965 waren mindestens 210 in St. Gallen, Interlaken, Tierpark Dählhölzli Bern (Zucht ab 1938), Wildpark Langenberg (Zucht seit 1950), und zwei kleinen Parks in Bretaye und Zermatt gezüchtete Tiere freigelassen worden. Alle 17’100 Steinböcke, die es heute in der Schweiz in freier Wildbahn gibt (Eidg. Jagdstatistik 2014), sind Nachkommen dieser Zootiere!!
    
1938 entwickelten die Wildhüter des Kantons Bern eine Falle, mit der Steinböcke in grosser Zahl gefangen werden konnten, und allmählich wurde die Wiederansstamp cz ibex
Briefmarke mit Alpensteinbockmotiv. Tschechoslowakei, 1963
iedlung von Zootieren durch Umsiedlungen aus überbevölkerten Wildkolonien ersetzt. Da jedoch vorab Böcke gefangen wurden, bestand immer noch eine Nachfrage nach weiblichen Tieren aus den Zoos (KUSTER, 1966).

Neben den Wiederansiedlungen im Alpenraum kam es noch zu einer Ansiedlung von Tieren aus dem Tierpark Dählhölzli im Neuenburger Jura, wo der Steinbock bereits in der Altsteinzeit verschwunden war.

Tiere aus der Schweiz wurden auch für Wiederansiedlungen in anderen Alpenländern und Ansiedlungen außerhalb des Alpenraums verwendet. Zahlreiche Steinböcke wurden nach Österreich und geringere Anzahlen nach Deutschland, Frankreich und Slowenien geliefert. In Österreich erfolgte die erste erfolgreiche Wiederansiedlung 1924 in Hinterblümbach (Salzburg). 1936 wurde eine Kolostamp 119-009-035-003 capra ibex ungarn
Briefmarke mit Alpensteinbockmotiv. Ungarn, 1961
nie in der Steiermark begründet und von 1951 an wurden die Tiroler Alpen, Kärnten und Vorarlberg besiedelt. Der Alpenzoo Innsbruck zeichnete für den Erfolg vieler Projekte verantwortlich, aber auch andere Zoos beteiligten sich an den Aussetzungsaktionen, so der Tierpark Hellabrunn München, der Zoo Salzburg, der Tiergarten Schönbrunn und der Natur- und Tierpark Goldau. In Deutschland begann die Wiederbesiedlung 1936 in Berchtesgaden. In Frankreich fand die erste Wiederansiedlung 1959/60 im Massif des Cerces statt, wo Steinwild aus dem Tierpark Bern und den Walliser Alpen ausgelassen wurden. In Slowenien, wo 1903 eine Bastardpopulation gegründet wurde wurden in den letzten Jahren reinblütige Steinböcke aus deutschen Zoos sowie den Schweizer und Italiener Alpen eingeführt (MEILE et al. 2003).

Insgesamt leben heute im Alpenraum wieder mehr als 45'000 Stück Steinwild (Schweiz 17'100, Italien 13'500, Frankreich 10'000, Österreich 4'500, Slowenien 400, Deutschland 300 und ein paar in Liechtenstein). An manchen Orten müssen Maßnahme zur Stabilisierung der Bestände getroffen werden. In der Schweiz werden deshalb jedes Jahr etwa 1000 Stück erlegt (1997-2014: 19’881). Trotzdem werden immer noch Steinböcke an- oder umgesiedelt, denn Verkehrswege, Siedlungen, Ebenen oder größere Flusstäler behindern die natürliche Ausbreitung.

Artenschutzprojekte
WAZA-Projekt 05013 - Ansiedlung des Alpensteinbocks in den Julischen Voralpen – Regionalparkverwaltung, Tiere zur Verfügung gerstellt von Wildpark Langenberg, Natur- und Tierpark Goldau und Zoo Salzburg
WAZA-Projekt 05017- Wiederansiedlung des Alpensteinbocks in den Österreichischen Alpen -Alpenzoo Innsbruck in Zusammenarbeit mit andern Zoos in Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie den zuständigen Länderbehörden. ...mehr
WAZA-Projekt 05042 - Wiederansiedlung des Alpensteinbocks im Rauris/Hohe Tauern Nationalpark - Tierpark Hellabrunn, München, zusammen mit den Zoos von Helsinki, Nürnberg, Salzburg, Stuttgart und Wien.

Doktor-, Diplom- und Examensarbeiten:
BRANDAUER, M. (2012)
KERSCHER, K. (2012)

Literatur:
GIACOMETTI, M. (Hrsg., 2006)
GRIMMBERGER, E. & RUDLOFF, K. (2009)
HARDENBERG, A. VON (2011)
HAUSSER, J. et al. (Hrsg., 1995)
KUSTER, A. (1966)
LAURO, A. (1989)
MEILE, P., GIACOMETTI, M. & RATTI, P. (2003)
STÜWE, M. & GRODINSKY, C. (1986)

PD - 02.07.2009; mehrfach aktualisiert

EUR 05 01 02 alpen schweiz steinböcke augstmatthorn pd
Alpensteinböcke im natürlichen Lebensraum. Augstmatthorn, Berner Oberland, ca. 2000 m.ü.M. © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Gelesen 6782 mal Letzte Änderung am Dienstag, 08 November 2016 10:35
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