Schaf- und Ziegenartige

Gämse

Alpengemsbock (Rupicapra r. rupicapra) im Winterkleid, Tierpark Berlin Alpengemsbock (Rupicapra r. rupicapra) im Winterkleid, Tierpark Berlin
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Ordnung: Paarzeher (Artiodactyla)
Familie: Hornträger (Bovidae)
Unterfamilie: Ziegenartige (Caprinae)
Tribus: Gemsenverwandte (Naemorhedini)

Rupicapra galt lange als monospezifische Gattung, wobei mehrere Unterarten unterschieden wurden. Heute wird die Gattung zumeist in zwei Arten unterteilt. Beide sind als Art nicht gefährdet und beide werden in VdZ-Zoos gehalten.

D LC 650

Gemse

Rupicapra rupicapra / pyrenaica
Engl.: The Chamois
Franz.: Le chamois
        
Alpengemse im Tierpark Bern © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Alpengemse (Rupicapra r. rupicapra) im Tierpark Bern © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Die Alpengemse ist nicht gefährdet. (Rote Liste: LEAST CONCERN). Von der heute oft als eigene Art geführten Südlichen Gemse ist die Abruzzengemse gefährdet, die anderen Unterarten sind es nicht.

Der internationale Handel ist durch CITES nicht geregelt, außer für die Abruzzengemse (Rupicapra pyrenaica ornata ), die unter CITES-Anhang II fällt. Ebeso ist sie in den Anhängen II und IV der FFH-Richtline (92/43/EWG)aufgeführt und ist eine streng geschützte Tierart nach Anhang II des Berner Übereinkommens.119-009-044-000 rupicapra map
Verbreitung der Gemsen. Dunkelblau: rupicapra-Gruppe; rot: ornata-Gruppe

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Etwa 8 Monate altes Alpengemskitz (Rupicapra r. rupicapra) im Winterkleid, Tierpark Bern © © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Verbreitung: rupicapra-Gruppe: Albanien, Aserbaidschan, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Frankreich, Georgien, Deutschland, Griechenland, Italien, Liechtenstein, Montenegro, Östereich, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Türkei. Ferner eingeführt in Argentinien, Neuseeland und Tschechien.
    
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Alpengemse (Rupicapra r. rupicapra) im Sommerkleid, Natur- und Tierpark Goldau © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
pyrenaica-Gruppe: pyrenaica : Andorra, Frankreich, Spanien; ornata : Italien; parva : Spanien

Haltung in VdZ-Zoos:
Rupicapra r. rupicapra : Berlin-Tierpark, Bern, Goldau, Innsbruck, Karlsruhe (im Tierpark Oberwald), Neumünster, Salzburg
Rupicapra p. ornata : München

Weibliche Alpengemse im Natur- und Tierpark Goldau © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Weibliche Alpengemse im Natur- und Tierpark Goldau © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Besonderes: Anders als bei den meisten Horn- und Geweihträgern sind bei der Gemse (Neudeutsch: Gämse) die Geschlechter auf den ersten Blick nicht so leicht zu unterscheiden. Sowohl die weiblichen Tiere wie auch die Böcke tragen nämlich kurze, schwarze Hörner (Krickel, Krucken). In der Regel sind jedoch die Hörner der Böcke leicht dicker und stärker nach hinten gekrümmt als jene der Geissen.

Der „Gamsbart“, den man auf den Jägerhüten findet, besteht in Wirklichkeit aus dichten und schwarzen Haaren vom Rücken, die im Winter besonders lang sind.
    
Gemsstrecke Schweiz, 1958-2008
Gemsstrecke Schweiz, 1958-2008
Der Frühjahresbestand in der Schweiz wurde in den letzten 20 Jahren jeweils auf 90-100'000 Tiere geschätzt. Die Strecke nahm bis 1994 kontinuierlich zu. Seitdem ist sie rückläufig, was wohl mit dem vermehrten Abschuss von Jährlingen und in den letzten Jahren auch Kitzen zusammenhängt, und liegt nun bei etwas über 12'000 Tieren (Eidg. Jagdstatistik). Die Entwicklung in Österreich verlief parallel zu jener in der Schweiz. Nach einem Hoch anfangs der 1990er Jahre (1992: 29'192 Tiere) gingen die Strecken zurück und lagen im Jagdjahr 2014/15 bei etwa 19'700 Tieren (Statistik Austria). In Deutschland nahmen die Strecken bis Mitte der 1990er Jahre bis auf 6253 Tiere zu. Seitdem geht der Trend nach unten und die Abschüsse betrugen im Jagdjahr 2013/14 noch 4803 Tiere (Deutscher Jagdverband). In Liechtenstein gibt es ca. 600-650 Gemsen. Davon sollten im Jagdjahr 2011/12 145 erlegt werden (Amt für Wald, Natur und Landschaft).
Im Südtirol betrug im Jagdjahr 2014 der Gemsabschuss 3534 Stück (Autonome Provinz Bozen-Südtirol, Forstamt).
    
Abruzzengemse (Capra pyrenaica ornata) im Tierpark Hellabrunn © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Abruzzengemse (Capra pyrenaica ornata) im Tierpark Hellabrunn © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Vom Ostrand des Schwarzwaldes (Hüfingen) ist ein Knochenfund aus der Römerzeit bekannt. Bis ins Mittelalter war die Gemse im Hochschwarzwald noch Standwild. Erst mit dem Ende des 14. Jahrhunderts wurde sie ausgerottet und kam nur noch gelegentlich als als Zu- und Durchzügler aus dem Allgäu, Vorarlberg und der Schweiz vor. Nachweise erlegter Gemsen liegen erst wieder ab 1880 vor. 1935/36 wurde eine Wiederansiedlung durchgeführt - mit Erfolg, denn heute gibt es im Schwarzwald wieder etwa 900 Stück Gamswild.

Im schweizerischen und französischen Jura kann die Gemse ab der letzten Eiszeit (Paläolithikum - Moustérien) nachgewiesen werden. Sie kam dort bis in die Jungsteinzeit (3000-1800 v. Chr.), eventuell bis in die Bronzezeit vor, danach verschwand sie. Erst seit gut einem Jahrhundert wurden gelegentlch wieder Beobachtungen gemacht.
    
Abruzzengemse (Capra pyrenaica ornata) im Tierpark Hellabrunn, München © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Abruzzengemse (Capra pyrenaica ornata) im Tierpark Hellabrunn, München © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
So wurde 1860 eine im Bielersee schwimmende Gemse eingefangen und wurde 1871 im Fricktal eine andere "irrtümlich als Wildsau" geschossen. Am Mont d'Or (Frankreich) war seit etwa 1930 eine kleine Population bekannt, deren Herkunft ungewiss ist. Im schweizerischen Jura wurde ein erster Wiederansiedlungsversuch 1910-1912 am Creux-du-Van gemacht. Die Tiere verschwanden aber während der Ersten Weltkriegs wieder. 1950-62 wurden in den Kantonen Neuenburg, Solothurn, Bern, Basel-Landschaft und Aargau insgesamt 84 in den schweizerischen Alpen gefangene Gemsen freigelassen. Diese Populationen zeigten anfänglich ein starkes Wachstum von 20-30 % pro Jahr. Heute lebt im Schweizer Jura ein Bestand von 3000 bis 5000 Tieren, der bejagt wird. (SALZMANN, 1975)

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Briefmarke mit Gemsmotiv. Schweiz
Die Abruzzengemse ist bunter gefärbt und hat längere Hörner (bis 31 cm) als die Alpengemse. Ursprünglich kam sie von den Sibillinischen Bergen in den Marche (Mittelitalien) bis hinunter zum Pollino-Massiv in Kalabrien vor. Heute ist sie auf drei kleine Populationen in den Abruzzen-, Majella- und Gran Sasso-Monti della Laga-Nationalparks mit einem Bestand von rund 1100 Tieren (im Jahr 2006) reduziert. Dank Schutzmaßnahmen nimmt der Bestand aber zu, in den 1980er Jahren gab es erst 400 Individuen.  Heute dürfte er mehr als 2000 camosci umfassen. Die günstige Entwicklung erlaubte im März 2013 die Rückstufung von Anhang I nach Anhang II CITES.

Gemsen leben überwiegend in lockeren Rudeln von bis zu 30 Individuen, namentlich im Winter können sie sich auch zu größeren Verbänden zusammenschließen. Im Frühjahr trennen sich ältere Böcke ab und beziehen einzeln oder zu zweit Sommerterritorien von bis zu 50 ha Fläche. Während der Brunft, meist erst ab der zweiten Novemberwoche, heften sich rangstarke Böcke wieder an die Geißenrudel (BAUMANN, 2010). Die Jährlingsböcke schließen sich im Frühjahr oft zu separaten Rudeln zusammen, die mehr und mehr ihre eigenen Wege gehen. Während der Setzzeit im Mai Juni ziehen sich die Geißen etwas vom Rudel zurück, um ihr Kitz an einem geschützten Platz zur Welt zu bringen. 10-14 Tage nach der Geburt kehren die Muttertiere mit ihrem Nachwuchs zum Rudel zurück, wo sich die Kitze bald zum Spielen, später auch zum Äsen zu "Kindergärten" zusammenfinden. Im Spätsommer bestehen die Rudel typischerweise aus Geißen, Jährlingen und Kitzen (MEILE, 1983, 1985).

Briefmarke mit Gemsmotiv. Deutsche Bundespost
Briefmarke mit Gämsmotiv
Das Säugetiergutachten 2014 des BMEL trägt diesen saisonalen Unterschieden der Sozialstruktur keine Rechnung. Für die Haltung von fünf erwachsenen Tieren in einem konventionellen Zoogehege wird eine Mindestfläche von 250 m² vorgegeben, für jedes weitere Tier sind zusätzliche 20 m² erforderlich. Ferner muss eine Abtrennmöglichkeit vorhanden sein. Unter Berücksichtigung der Verhältnisse in der Wildbahn müsste aber der Bock während 6-8 Monaten von den Geißen abgetrennt werden, wozu ein vollwertiges Gehege und nicht nur eine Abtrennmöglichkeit erforderlich ist. Hält man Böcke von vier Jahren oder älter außerhalb der Brunft nicht separat, steigt das Risiko, dass Geißen vom Bock zu Tode geforkelt werden.

Doktor-, Diplom- und Examensarbeiten:
MATSCHEI, Ch. (2003)

Briefmarke mit Gämsmotiv
Briefmarke mit Gemsmotiv. Spanien
Literatur und Internetquellen:
BAUMANN, P. W. (2010)
GRIMMBERGER, E. & RUDLOFF, K. (2009)
HAUSSER, J. et al. (Hrsg., 1995)
MEILE, P. (1983)
MEILE, P. (1985)
MEILE, P. (1986)
SALZMANN, H. C. (1975)

CITES COP 16
Herrero, J., Lovari, S. & Berducou, C. 2008. Rupicapra pyrenaica. In: IUCN 2013. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2013.2. Downloaded on 12 December 2013.

PD - 12.12.2008; mehrfach aktualisiert

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Gelesen 6063 mal Letzte Änderung am Dienstag, 08 November 2016 15:04
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