Ibisse und Löffler

Waldrapp

Waldrapp (Geronticus eremita) im Tierpark Goldau Waldrapp (Geronticus eremita) im Tierpark Goldau
Peter Dollinger, VDZ

Ordnung: Stelzvögel (Ciconiiformes)
Familie: Ibisse (Threskiornithidae)
Unterfamilie: Ibisse (Threskiornithinae)

Zur Gattung Geronticus gehören zwei Arten, die gefährdet bzw. vom Aussterben bedroht sind. Beide Arten werden in VdZ-Zoos gehalten.

D CR 650

Waldrapp

Geronticus eremita
Engl.: The Hermit Ibis or Northern Bald Ibis
Franz.: L'ibis chauve
        
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Waldrapp (Geronticus eremita) am Nest © Johannes Fritz, Mutters
Der Waldrapp gehört zu den stark bedrohten Tierarten (Rote Liste: CRITICALLY ENDANGERED). Einst rund ums Mittelmeer und bis nach Mitteleuropa verbreitet, gibt es heute nur noch Reliktpopulationen im Westen und Osten des Mittelmeerraums mit zusammen weniger als 300 adulten Wildvögeln. Daneben existieren einige halbwilde Populationen und eine Reservepopulation in Zoos, die über 1000 Vögel umfasst.

Der internationale Handel ist nach CITES-Anhang I eingeschränkt.
Die Art fällt unter Anhang 2 des African-European Waterbird Agreements (AEWA).
    
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Nistende Waldrappe (Geronticus eremita) im Alpenzoo Innsbruck © Christiane Böhm, Alpenzoo
Verbreitung: Die westliche Population brütet in Marokko und die Vögel streifen bis nach Algerien, Mauretanien und West-Sahara. Von der östlichen Population gibt es, neben halbwilden Vögeln in der Türkei und eine sehr kleine Kolonie in Syrien, die über die arabische Halbinsel bis nach Eritrea und Äthiopien zieht.

Haltung in VdZ-Zoos: Aachen, Basel, Berlin-Tierpark, Berlin-Zoo, Duisburg, Erfurt, Goldau, Halle, Heidelberg, Innsbruck, Köln, Kronberg, Leipzig, Marlow, München, Neumünster, Nordhorn, Nürnberg, Rheine, Schmiding, Stuttgart, Walsrode, Wien, Wuppertal, Zürich.

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Brütender Waldrapp (Geronticus eremita) © Kurt Kotrschal, Grünau
Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) wird vom Alpenzoo Innsbruck koordiniert.

Die heutige Zoopopulation des Waldrapps geht auf Tiere zurück, die zwischen 1950 und 1978 aus Marokko importiert worden waren. Die Vögel der einzelnen Zookolonien sind eng miteinander verwandt, allerdings wurde bis jetzt noch keine Inzucht-Deprivation beobachtet. In der Zoopopulation schlüpfen pro Jahr 80-100 Jungvögel und nur 20-30 Vögel sterben, ca. 40-50 Vögel verlassen das EEP. Das Geschlechterverhältnis ist stabil, allerdings werden Weibchen weniger alt. Der Waldrapp erreicht ein Alter von 25-30 Jahren und bleibt auch 211-005-005-003 geronticus eremita gesner
Waldrapp aus Conrad GESNERs Vogelbuch, Ausgabe von 1669
bis ins hohe Alter brutaktiv. Über 50% der Zoopopulation ist im reproduktionsfähigen Alter und 80% der Vögel sind jünger als 15 Jahre. (BÖHM, C., 2004)

Besonderes: PLINIUS der Ältere (ca. 23 n. Chr.-79 n. Chr) erwähnt in seiner "Naturalis historia" einen "Phalacrocorax", der nur als Waldrapp gedeutet werden kann. Erstmals genau beschrieben wurde der Waldrapp vom Naturforscher und Zürcher Stadtarzt Conrad GESNER . In seinem "Vogelbuch", dessen erste deutsche Ausgabe 1557 bei FROSCHAUER in Zürich erschien, steht unter dem Titel "Von dem Waldrappen Corvus sylvaticus" zu lesen (zitiert nach GUGGISBERG, 1955): "Der Vogel welches Figur hie verzeichnet stadt / wird von den unsern (d.h. den Schweizern) gemeinlich ein Waldrapp genennt/ darumb dass er in einöden wäldern wonet: da er dann in hohen schrofen/ oder alten einöden thürmen und schlössern nistet/ dannenhär er auch ein Steinrapp genennt wird/ und anderschwo in Bayern und Steürmark (Steiermark) ein Claussrapp von den vielen und engen Clausen/ darin dann er sein näscht macht. In Lutringen211-005-005-003 geronticus eremita sunbath KK
Sonnenbadende Waldrappe (Geronticus eremita) © Kurt Kotrschal, Konrad-Lorenz-Forschungsinstitut Grünau
(Lothringen) und bei dem Paffyersee (Lago Maggiore) wird er ein Meerrapp genennt..."

Der Waldrapp verschwand spätestens zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus Mitteleuropa. An seinem Aussterben in Europa war der Mensch maßgeblich beteiligt. Junge Waldrappe galten als begehrte Delikatesse, und waren mancherorts Vertretern von Adel und Klerus vorbehalten. (PEGORARO & THALER, 1994). Hiezu wiederum Conrad GESNER: "da er dann etwan von einem menschen/ so an einem seil hinabgelassen/ ausgenommen und für einen schläck gehalten wirt / wie er auch bei uns in etlichen hohen schrofen bei dem bad Pfäfers (die Taminaschlucht bei Ragaz, Graubünden) gefunden wirt/ da sich auch etliche weidleut hinab gelassen habend... Ire jungen werdend auch zur speyss gelobt/ und für einen schläck gehalten: denn sy haben ein lieblich fleisch und weich gebein."

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Waldrapp-Gelege (Geronticus eremita) © Kurt Kotrschal, Konrad-Lorenz-Forschungsinstitut Grünau
Mit zum Aussterben in Mitteleuropa beigetragen hat wohl auch eine Klimaänderung, denn das Verschwinden des Waldrapps fällt mit dem Beginn der "Kleinen Eiszeit" zusammen, die etwa von 1550 bis 1750 gedauert hat (FRITZ & REITER, 2003).

GESNER gibt nicht nur eine detailierte Beschreibung des Waldrapps, sondern weiß auch allerhand Wissenswertes über seine Biologie zu berichten: "Sy gläbend der Höuwschrecken / Gryllen / Fischlinen und kleinen Fröschlinen. Merteils nistet er auff alten und hohen mauren der zerbrochenen schlösseren: welcher dann im Schweytzerland seer vil gefunden werdend. Als ich diss vogels magen zerschnitten/ hab ich über andere unzifer auch vil deren thierlinen gefunden/ so den wurtzen der früchten schaden thund/ fürauss dem hirss/ welche die unseren Twären (Maulwurfsgrillen) nennend. Sy ässend auch würm/ darauss Meyenkäfer werdend. Diese vögel fliegend seer hoch. Die legend zwey oder dreü eyer...."      

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Junger Waldrapp(Geronticus eremita© Kurt Kotrschal, Konrad-Lorenz-Forschungsinstitut Grünau
Spätere Naturforscher haben den mittlerweile aus Mitteleuropa verschwundenen Waldrappen nicht mehr aus eigener Anschauung gekannt sondern fleißig aus GESNER abgeschrieben, eine in der biologischen Literatur auch heute noch gern geübte Praxis. Da trotz intensivierter Suche der verschwundene Vogel nicht mehr aufgefunden werden konnte, kamen Ornithologen des 18. und 19. Jahhunderts zum Schluss, dass GESNER ein Irrtum unterlaufen sein müsse und bezweifelten die Existenz des Waldrapps.

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Nistender Waldrapp (Geronticus eremita) im Vogelpark Marlow © Peter Dollinger, VDZ
Die ersten Naturforscher, welche den Vogel wieder entdeckten, waren Christian Gottfried EHRENBERG und Friedrich Wilhelm HEMPRICH (EHRENBERG, 1828). Die zwei von ihnen an der arabischen Küste erlegten Exemplare wurden als Ibis comata dem Berliner Museum einverleibt. Im Jahre 1845 gab RÜPPELL in seiner systematischen Übersicht der Vögel Nordafrikas eine gute Beschreibung und im Jahre 1850 wurde der Vogel von REICHENBACH als Comatibis comata unter die Grallatores eingereiht. Es dauerte allerdings noch eine Weile, bis man drauf kam, dass es sich dabei um den GESNER'schen Vogel 211-005-005-003 geronticus eremita angelika JF
Zahmer Waldrapp (Geronticus eremita) und Angelika Reiter © Johannes Fritz, Mutters
handelte. FRIDERICH schrieb noch 1891: "Der Waldrabe {Corvus silvaticus Gesner) ist ein künstlich verunstaltetes Stopfexemplar und aus Teilen verschiedener Vögel zusammengesetzt. Dieser Popanz ist auch in Linne's Werken.".

Die Identität des Comatibis comata mit dem Corvus sylvaticus stellte Lord Walter ROTHSCHILD anlässlich eines Besuchs der deutschen Ornithologen O. KLEINSCHMIDT und E. HARTERT in seinem Privatmuseum fest und zwar aufgrund eines Vergleichs der Abbildung in GESNER's "Vogelbuch" mit jener in DRESSER's "A History of the Birds of Europe".

Als ROTHSCHILD, KLEINSCHMIDT und HARTERT 1897 ihre Entdedckung in den Novitates zoologicae Vol. IV No. 3 (London und Aylesbury) veröffentlichten, erregte dies enormes Aufsehen in der Fachwelt. Nur der Genfer Gelehrte V. FATIO weigerte sich bis zu seinem Todesjahr (1906) standhaft, den Vogel in seiner "Faune des Vertébrés de la Suisse" aufzuführen (GUGGISBERG, 1955). Conrad GESNERs Feststellung "Ihre jungen etliche Tage vorhin ehedann sie flück worden auß dem Nest genommen/ mögen leichtlich aufferzogen und gezähmet/ werden/ also / dass sie in die äcker hinauss fliehen und schnell wiederumb heim kommen." veranlasste den Alpenzoo Innsbruck, ein künstlich erbrütetes Waldrappküken von Hand aufzuziehen, um abzuklären, welche Verhaltensweisen angeboren und welche erlernt waren.

211 005 005 003 geronticus eremita aviary CBDabei stellte sich heraus, dass "Jupp", wie der weltweit erste handaufgezogene Waldrapp genannt wurde, zwar ein sehr ausgeprägtes erlerntes Verhalten aufwies, aber trotz seiner Prägung auf den Menschen sich gegenüber Artgenossen normal verhielt, sich verpaarte und problemlos Junge aufzog. Prägung auf den Menschen erwies sich somit als geeignetes Instrument, um Waldrappe auszuwildern. Diese Methode wurde erstmals 1991 im Alpenzoo Innsbruck angewandt (THALER et al., 1992) und später von den Forschergruppen um KOTRSCHAL und FRITZ übernommen.

Artenschutzprojekte:
211-005-005-003 geronticus eremita schild PDAufbau einer halbwilden Waldrapp-Kolonie in Grünau
Das Scharnstein-Migrationsprojekt
Aufbau einer Volierenhaltung in Marokko
Bestandesstützung in Syrien

 ...mehr zu den Projekten

Wie Waldrappe gehalten werden (Beispiele):
Begehbare Waldrappvoliere im Alpenzoo Innsbruck (siehe ZOOLEX Gallery)
Begehbare Freiflugvoliere im Opel-Zoo Kronberg KAUFFELS, T. (2010) 

Doktor-, Diplom- und Examensarbeiten:
PEGORARO, K. (1992)
WEINEL, J. (2011)

211-005-005-003 geronticus eremita stampLiteratur:
DEL HOYO, J., ELLIOTT, A. & SARGATAL, J. (eds., 1992)
FRITZ, J. & REITER, A. (2003)
FRITZ, J. & UNSÖLD, M. (2011)
GUGGISBERG, C.A.W. (1955)
MAUMARY, L. et al. (2007)

THALER, E., PEGORARO, K. & S. STABINGER (1992)
UNSÖLD, M. & FRITZ, J. (2011)

PD - 04.12.2009

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Gelesen 2699 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 20 Mai 2015 19:55
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