Habichtartige

Bartgeier

 Adulter Bartgeier (Gypaetus barbatus) im Natur- und Tierpark Goldau Adulter Bartgeier (Gypaetus barbatus) im Natur- und Tierpark Goldau
Felix Weber, Rickenbach bei Schwyz

Ordnung: Taggreife(Falconiformes)
Unterordnung: Habichtartige und Fischadler (Accipitres)
Familie: Habichtartige (Accipitridae)

Der Bartgeier bildet eine monospezifische Gattung. Er wird bisweilen zusammen mit dem Schmutzgeier in eine Unterfamilie Gypaetinae gestellt.

D LC 650

Bartgeier

Gypaetus barbatus
Engl.: The Bearded Vulture
Franz.: Le gypaète barbu

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Bartgeier (Gypaetus barbatus) im Natur- und Tierpark Goldau © Felix Weber, Rickenbach bei Schwyz
Weltweit nicht gefährdet (Rote Liste: LEAST CONCERN).  In Europa gefährdet, gebietsweise ausgestorben.

Der internationale Handel ist nach CITES-Anhang II geregelt. Die Art fällt unter Anhang 2 der Berner Konvention über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume und Anhang 2 der Bonner Konvention über wandernde Tierarten.

Verbreitung und Unterarten:
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Bartgeier (Gypaetus barbatus) im Natur- und Tierpark Goldau © Felix Weber, Rickenbach bei Schwyz
Gypaetus b. meridionalis: Ost- und Südafrika, Jemen. Diese Unterart ist etwas kleiner, hat kürzere Federhosen und eine vom eurasischen Bartgeier etwas abweichende Kopffärbung.
Gypaetus b. barbatus: Maghreb, Süd- und Mitteleuropa, Südwest- bis Zentralasien. Die eurasische Bartgeier wurden früher in drei Unterarten (aureus, barbatus und hemachalanus) unterteilt.

Haltung in VdZ-Zoos: Berlin-Tierpark, Berlin-Zoo, Frankfurt, Goldau, Innsbruck, Nürnberg, Stuttgart, Tallinn, Walsrode, Wien, Wuppertal

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Junger Bartgeier (Gypaetus barbatus) im Natur- und Tierpark Goldau © Felix Weber, Rickenbach bei Schwyz
Die Zoos beteiligen sich alle am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP, seit 1986), koordiniert durch die Universität Wien

Besonderes: Der Bartgeier weist einige morphologische Besonderheiten auf, die ihn von allen andern Geiern unterscheiden: Der "Bart", dessen Funktion nicht bekannt ist, kommt bei beiden Geschlechtern vor. Er besteht aus borstenartigen Federn am Ober- und Unterschnabel. Um das Auge verläuft ein auffälliger, dekorativer Skleralring, dessen rote Farbe intensiver wird, wenn der Vogel stark erregt ist. Eine de Vorderzehen ist gegen innen abgewinkelt. 213-003-021-001 gypaetus barbatus Innsbr PD
Bartgeier (Gypaetus barbatus) im Alpenzoo Innsbruck © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Zusammen mit der Hinterzehe bildet sie eine Art Greifzange, mit welcher der Bartgeier geschickt Knochen halten und manipulieren kann. Währenddem die Federn der erwachsenen Vögel an Kopf, Hals, Bauch und Beinen hell gefärbt sind, sind die Jungvögel bis zum Alter von 5-7 Jahren dunkel gefärbt. Solange sie ihr Jugendkleid tragen, werden sie von den Erwachsenen kaum behelligt, wenn sie zur Nahrungssuche in deren Territorium eindringen.

Die hellen Gefiederpartien der erwachsenen Vögel sind oft orange-rötlich bis rostrot. Dies hat bereits CONRAD GESNER im 16. Jahrhundert bemerkt, der seine Beschreibung der Art wie folgt einleitet: "Es wirdt in den Schweitzer Alpen ein Geyer gefunden, welchen sie von der roten Brust wegen ein Goldgeyer nennen..."213-003-021-001 gypaetus barbatus TPG FW5
Adulter Bartgeier (Gypaetus barbatus) im Horst, Natur- und Tierpark Goldau © Felix Weber, Rickenbach bei Schwyz

Wie seit 1927 bekannt ist (HEINROTH, O. & M., 1927), kommt diese Färbung dadurch zustande, dass die Vögel in eisenoxidhaltigem Schlamm baden. Dabei handelt es sich um ein angeborenes Verhalten, dessen Zweck bis heute nicht eindeutig geklärt ist.

Der Bartgeier sucht seine Nahrung im Gebirge hauptsächlich oberhalb der Waldgrenze. Er ist auf das Verzehren von Knochen spezialisiert, die er dank seinem besonders sauren Magensaft vollständig verdauen kann. Rinderwirbel und Rippen oder Röhrenknochen bis zu einer Länge von 25 cm kann er als Ganzes verschlucken, größere Knochen wirft er im Flug aus einer Höhe von 20 m bis 150 m auf Felsplatten (so genann213-003-021-001 gypaetus barbatus TPG FW6
Bartgeier-Schauvoliere im Natur- und Tierpark Goldau. Das Informationszentrum befindet sich im Kunstfelsen © Felix Weber, Rickenbach bei Schwyz
te Knochenschmieden) ab, auf denen sie zersplittern.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brütete der Bartgeier noch in allen Teilen der Alpen. Dann wurde er selten, wofür die Aufgabe der extensiven Weidewirtschaft und der Zusammenbruch der Wildwiederkäuerbestände ursächlich gewesen sein dürften. Die reduzierten Geierbestände wurden dann relativ schnell ausgerottet, denn je seltener der Bartgeier wur213-003-021-001 gypaetus barbatus gesner
Bartgeier aus Conrad Gesners Vogelbuch
de, umso höhere Preise bezahlten Museen und Privatsammler für tote Vögel. Der ehemalige Oberwärter des Zoo Basel, CARL STEMMLER (1932), ein Greifvogelschützer der ersten Stunde, der sich schon früh für eine Wiederansiedlung einsetzte, führt 50 präparierte Bartgeier in öffentlichen Sammlungen der Schweiz auf, von denen mindestens 28 im 19. Jahrhundert in der Schweiz zu Tode gekommen waren.

In Deutschland wurde der letzte Bartgeier 1855 in Bayern erlegt, was nicht verwundert, wenn man bedenkt dass Bayern seit 1812 hohe Abschussprämien bezahlt hatte.

In Österreich erging es dem Bartgeier nicht besser. Die letzte Brut in Oberösterreich wurde 1835 registriert. 1878 sah Kronprinz RUDOLF von HABSBURG noch einen Bartgeier in der Steiermark, wie er Alfred BREH213-003-021-001 gypaetus barbatus map
Karte zum Wiederansiedlungsprogramm für den Bartgeier
M mitteilte. Hier war die Art schon seit Ende des 18. Jahrhunderts verschwunden. 1880 kam es zur vermutlich letzten Brut in Kärnten. 1881 erhielt der Tiergarten Schönbrunn einen Vogel, der in Pfunds (Tirol) gefangen worden war, und der schließlich seine Karriere im Naturhistorischen Museum Wien beendete. 1882 wurde der letzte Bartgeier im Tirol, 1890 der letzte in Vorarlberg geschossen. Die letzte Beobachtung aus Kärnten datiert von 1906.

Einer der letzten Bartgeier der Schweiz, bekannt als «s'alt Wyb» (das alte Weib), hauste einsam in den Lötschentaler Alpen im Wallis, nachdem der bayerische König MAXIMILIAN II. im Jahr 1862 seinen Partner erschossen hatte, und wurde im Winter 1887 vergiftet aufgefunden. Die mutmaßlich letzte Brut in der Schweiz fand 1891 statt, denn zwei im Wallis 213-003-021-001 gypaetus barbatus stamp
Bartgeier-Motiv auf Briefmarke; Südafrika
abgeschossene Altvögel und ein Jungvogel aus diesem Jahr werden heute im Naturhistorischen Museum von Sitten aufbewahrt. Der letzte Vogel der ursprünglichen Population wurde am 3. Dezember 1900 am Mont Chenin ob Martigny (Wallis) erlegt.

In den italienischen Alpen (Aostatal) starb die Population 1913 aus, wobei einzelne Individuen auch später noch gesichtet wurden. So hielten sich im Herbst und Winter 1924/25 zwei Vögel im Parco Nazionale Gran Paradiso auf.

Wie Bartgeier gehalten werden (Beispiele):
Gemeinschaftshaltungen von Bartgeier und anderen Alpentieren im Alpenzoo Innsbruck und im Tierpark Goldau. Für technische Informationen zur Voliere Goldau siehe ZOOLEX Gallery

Detaillierte Angaben zu Haltung, Fütterung, Zucht, Krankheitsgesc hehen und Sterblichkeit finden sich bei DOLLINGER et al. (2000).

Artenschutzprojekte:
Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen


Wiederansiedlung des Bartgeiers in Andalusien : In den Jahren 2006-08 waren bereits 213-003-021-001 gypaetus barbatus stamp eesti
Birefmarke mit Bartgeiermotiv, Estland
neun Bartgeier in der Sierra de Cazorla ausgewildert worden. Der Tierpark Berlin stellte einen Jungvogel für die Auswilderungsaktion 2009 zur Verfügung (KAISER, 2009).


Literatur:
DOLLINGER, P., HELDSTAB, A., ISENBÜGEL, E., MAINKA, S., SCHILDGER, B. & WEBER, F. (2000)
GUGGISBERG, C.A.W. (1955)
KAISER, M. (2009)
MAUMARY, L. et al. (2007)
ROBIN, K., MÜLLER, J.P. & PACHLATKO, T. (2003)
STEMMLER, C. (1932)

PD - 23.08.2009; mehrfach aktualisiert

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Gelesen 4795 mal Letzte Änderung am Samstag, 24 September 2016 17:03
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