Rallen, Kagu, Binsenhühner

Blässhuhn, Blässralle

Blässhuhn (Fulica atra) im Zoo Berlin Basel Blässhuhn (Fulica atra) im Zoo Berlin Basel
© Klaus Rudloff, Berlin

Ordnung: Kranichvögel (Gruiformes)
Unterordnung: Kranichverwandte (Grues)
Familie: Rallen (Rallidae)

Zu Fulica gehören zehn noch lebende Arten, von denen eine gefährdet und eine potenziell gefährdet ist. Eine weitere Art, das Maskarenen-Blässhuhn (Fulica newtonii) wurde 1693 letztmals beobachtet und gilt seitdem als ausgestorben. In VdZ-Zoos wird  nur die einheimische Art gehalten.

D LC 650

Blässhuhn, Blässralle

Fulica atra
Engl.: The Coot
Franz: La foulque macroule

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Blässhuhn (Fulica atra) mit Küken auf dem Nest im Natur- und Tierpark Goldau © NTP Goldau
Das Blässhuhn hat ein extrem großes Verbreitungsgebiet und einen Bestand, der auf 8.9 bis 9.8 Millionen Individuen geschätzt wird. Es gilt daher nicht als gefährdet (Rote Liste: LEAST CONCERN).

Der internationale Handel ist nach CITES nicht geregelt. Die Bestände rund um das Mittelmeer und das Schwarze Meer fallen unter Anhang 2 der Bonner Konvention über wandernde Tierarten und Anhang 2 des African-European Waterbird Agreements (AEWA).

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Briefmarke mit Blässhuhnküken-Motiv (Fulica atra); Deutsche Bundespost
Verbreitung: Europa:  Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Belgien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Färöer, Finnland, Frankeich, Georgien, Griechenland, Großbritannien und Nordirland, Irland, Island, Italien, Kroatien, Lettland, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, Malta, Mazedonien, Moldawien, Montenegro, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Serbien, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Türkei, Ukraine, Ungarn, Weißrussland, Zypern

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Wasservogeljäger am Bodensee, im Boot Lockenten. Bild: Museum Ermatingen
Asien:  Afghanistan, Bahrain, Bangladesh, Bhutan, China, Hong Kong, Indien, Indonesien, Irak, Iran, Israel, Japan, Jemen, Jordan, Kambodscha, Kasachstan, Katar, Korea DPR, Korea Rep., Kuwait, Kirgistan, Laos, Libanon, Malaysia, Mongolei, Myanmar, Nepal, Oman, Pakistan, Palästina, Philippinen, Saudi Arabien, Singapur, Sri Lanka, Syrien, Tadschikistan, Taiwan, Thailand, Timor-Leste, Turkmenistan, Usbekistan, Vereinigte Arabische Emirate, Viet Nam
Afrika:  Ägypten, Algerien, Äthiopien, Burkina Faso, Libyen, Mali, Marokko, Mauretanien, Niger, Nigeria, Senegal, Sudan, Tschad, Tunesien, West-Sahara
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Blässhuhnabschüsse im Kanton Thurgau (Bodensee) von 1969-2013
Ozeanien:  Australien, Neuseeland, Nördliche Marianen

Haltung in VdZ-Zoos: Aachen, Altschönau, Goldau, Nürnberg, freifliegende Blässhühner sind in manchen Zoos, die über geeignete Wasserflächen verfügen, als Brutvögel oder Wintergäste anzutreffen.

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Artikel von Fischer-Sigwart im Ornithologischen Beobachter 1915
Besonderes: In Mitteleuropa zählt das Blässhuhn zu den häufigsten Wasservögeln. Es ist von allen Rallen am stärksten an offene Wasserflächen gebunden und ist selbst in der Mitte größerer Seen anzutreffen. Als einzige einheimische Rallenart hat es an den Zehen Schwimmlappen ausgebildet. Es fliegt nur ungern und muss etwa 20 m Anlauf nehmen, bis es abheben kann. Bei Gefahr läuft es daher meist flügelschlagend übers Wasser, um das schützende Röhricht zu erreichen (PFORR et al., 1991).

Das Blässhuhn ist ein Allesfresser, wobei Pflanzenmaterial während des Sommers den überwiegenden Teil seiner Nahrung ausmacht. Im Winter können Wandermuscheln (Dreissena polymorpha) eine wichtige Nahrungsbasis sein. Die Futtersuche erfolgt schwimmend, tauchend bis 8 Meter Tiefe sowie an Land. Das im Winter sehr gesellige Blässhuhn wird während der Brutzeit territorial und sehr aggressiv, auch gegenüber artfremden Schwimmvögeln. Hinsichtlich der Wahl seiner Nistorte ist es wenig wählerisch, bevorzugt aber Flachwasserbereiche mit Schilf oder anderer Vegetation. Am Nestbau und der Brut beteiligen sich beide Eltern. Das Gelege besteht meist aus 6-9 Eiern, die 23-24 Tage bebrütet werden. Die Dunenjungen sind schwarz mit leuchtend rot und gelbem Kopf und Schnabel (MAUMARY et al. 2007).

Am Bodensee, wo die Blässhühner „Belchen“ genannt werden, gab es eine traditionelle Wasservogeljagd, die im Winter gemeinsam von deutschen und schweizerischen Jägern im Ermatinger Becken betrieben wurde. Diese war ursprünglich durch eine Fischereiordnung des Bischofs von Konstanz von 1774, dann durch einen Staatsvertrag zwischen dem Kanton Thurgau und dem Großherzogtum Baden aus dem Jahr 1854 geregelt.  Mit um die 200 Ruderbooten wurde frühmorgens dass Jagdgebiet eingekreist und auf ein Zeichen hin begann die „Belchenschlacht“, d.h. die Blässhühner und Enten wurden aus Hunderten von Flinten beschossen, was in Tagesstrecken von einigen Tausend „Belchen“ resultieren konnte. Diese Art der Jagd geriet immer mehr unter Druck, und 1984 wurde sie als Ergebnis einer Volksabstimmung im Kanton Thurgau beendet. 1985 verbot auch Deutschland die Wasservogeljagd im Wollmatinger Ried und im Ermatinger Becken. Seitdem ist der Untersee weitgehend jagdfrei (Museum Ermatingen).

Literatur und Internetquellen:
DEL HOYO, J., ELLIOTT, A.. & SARGATAL, J. (eds., 1996)
MAUMARY, L. et al. (2007)  
PFORR, M. & LIMBRUNNER, A. (1991)
BirdLife International 2012. Fulica atra. The IUCN Red List of Threatened Species. Version 2014.3. <www.iucnredlist.org>. Downloaded on 31 May 2015

MUSEUM ERMATINGEN

PD - 31.05.2015; aktualisiert

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