Haltungsansprüche

Tiere verstehen

Was meint er denn? - Schimpansenmann im Zoo Heidelberg Was meint er denn? - Schimpansenmann im Zoo Heidelberg
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Die Stadtmenschen neigen dazu, Tiere zu vermenschlichen und ihnen Gedankengänge, Empfindungen und Bedürfnisse zu unterstellen, die sie selbst haben. Bekenntnisse zum Tierschutz nehmen religiöse Züge an, was in Deutschland sogar seinen Niederschlag im Grundsatzartikel des Tierschutzgesetzes findet ("Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen."). In Österreich lautet die Formulierung ähnlich, währenddem die Schweizer von Gesetzes wegen die "Würde des Tieres" zu schützen haben, was immer sie darunter verstehen mögen.

Kritik an der Haltung von Tieren im Zoo gründet daher meist auf romantischen Vorstellungen vom Leben in der "freien Natur", der Meinung, dass die Tiere ein abstraktes Verständnis von "Freiheit" hätten und deswegen ihr Gehege als Gefängnis empfinden müssten, sowie der Unkenntnis über ökologische Zusammenhänge und die tatsächlichen Bedürfnisse der Tiere - und damit über deren Haltungsansprüche.

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Ausschnitt aus dem angeblich 12 m² kleinen "Tiegerkäfig" des Magdeburger Zoos. Tatsächlich misst das Gehege 1'400 m², was dem Siebenfachen der Vorgabe des Säugetiergutachtens entspricht. Es verfügt über ein Badebecken von 40 m², ferner gibt es ein etwa 100 m² großes Abtrenngehege und geräumige Innenboxen, die eine individuelle Aufstallung der Tiere erlauben. © patterpics
Ein schönes Beispiel dazu aus einem Blog (Yahoo! Clever): "ja sicherlich ist ein zoo ein sau schlechtes gefängnis für wild tiere ( lach) stell dir nur einmal den begriff der artgerechten haltung vor und schaue dan in ein tiegerkäfig oder in das elefantenhaus. wilde tiere wie zb. der tieger haben in der frein wildbahn ein teretorium von mehren quadratkilometern und nicht wie im zoo ungefähr 100 bis max 200 quadratmetern und das sind dann schon richtig große ich wahr mal mit meinen kindern im maggdeburgezoo und die hatten tatsächlich einen tiegerkäfig von zirka 12 quadratmetern und einem baumstamm drin und wahren dann der meinung das rechtfertigt den ausdruk ARTGERECHTE haltung wobei die artgerechte haltung nur in der freien natur gegeben ist aber was tut der mensch nicht alles für ein parr euro ich gehe nun nicht mehr in den cirkus oder einen zoo und versuche meinen kinder die tierweld anhand verschiedenen doko´s zu erleutern und ihnen beizubringen das nicht nur menschen ein recht auf menschlichkeit haben sondern auch tiere."
    
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Von zwei Geparden getötete und angefressene Kudu-Antilope. Madikwe, Südafrika © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Diese naive Einstellung wird möglich, weil im Schulunterricht der Naturkunde immer weniger Bedeutung beigemessen wird, obwohl Artikel 12 des Übereinkommens über die biologische Vielfalt die Vertragsstaaten verpflichtet, Programme der wissenschaftlichen und technischen Bildung und Ausbildung in der Bestimmung, Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt und ihrer Bestandteile einzurichten beziehungsweise weiterzuführen. Daher wird Bildung durch Einbildung ersetzt, Aufklärung durch Verklärung, Wissen durch Glauben. Der Wunsch nach paradiesischen Zuständen überwiegt. Was an natürlichen Abläufen nicht in dieses Wunschbild hineinpasst, wird ausgeblendet.

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Wildhund mit nach Hetzjagd getöteter, schon teilweise aufgefressener Kudu-Antilope. Madikwe, Südafrika Madikwe, Südafrika © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Dass ein Löwe hübsch gestreifte Zebras, ein Gepard niedliche Gazellen, ein Luchs jede Woche ein Rehlein als Nahrung braucht, will man nicht wissen. Dass Hyänen oder Wildhunde ihrem Beutetier den Bauch aufschlitzen und die Eingeweide zu fressen anfangen, währenddem das Gnu, der Kudu oder das Büffelkalb noch lebt, interessiert niemanden. Generell wird der Tod, dem man in unserer Ein-Kind-Gesellschaft mit ihren langen Abständen zwischen den Generationen ohnehin nur selten begegnet, verdrängt.

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Ganzkörperfütterung bei den Löwen des Tiergartens Nürnberg © Tiergarten Nürnberg
Von 50 Millionen geschredderten oder vergasten Einragsküken pro Jahr will man nichts wissen. Dafür wird das Einschläfern von drei Tigerbastarden, das ein Zoodirektor nach reiflicher Überlegung veranlasst hat, in den Medien skandalisiert.

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In der Zooschule Neuwied wird thematisiert, was Löwen und Tiger fressen
Wenn ein Zoo seinen Luchsen Kaninchen im Fell verfüttert, hat er bereits Erklärungsbedarf. Erhalten die Löwen ein totes Zebra, muss die Zoodirektion jemanden abstellen, der den Leuten erklärt, dass (a) Löwen keine Möhren fressen, sondern Fleisch, dass (b) Fleisch nicht in den Kühlregalen der Supermärkte wächst, sondern Teil eines getöteten Tieres ist, und (c) dass es aus Gründen des Tier- und Umweltschutzes allemal besser ist, ein im eigenen Betrieb gut gehaltenes, rasch und schmerzlos getötetes Tier zu verfüttern, als das Fleisch einer Kuh aus intensiver Landwirtschaft, deren Transport zum und Tötung im Schlachthof wohl nicht ganz frei von Leiden war.

In Amerika drücken sich viele Zoos um solch unangenehme Wahrheiten und füttern den Raubkatzen Riesenhamburger. Die werfen keine Fragen auf, da Hamburger auch beim Durchschnittsamerikaner Teil der täglichen Kalorienzufuhr sind und ihr Ursprung nicht weiter zurückverfolgt wird, als bis zum nächsten McBurger Drive-in.
        
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Sex bei Spitzmaulnashörnern im Zoo Dvůr Kralové © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Zwar wird gefordert, dass Tiere artgemäß und tiergerecht gehalten werden, aber sie sollen sich tunlichst nicht sexuell betätigen. Denn sonst gäbe es ja Nachwuchs, für den es in den Zoos möglicherweise keine Planstellen gibt, und der müsste dann dasselbe Schicksal erleiden, wie in der "freien Natur", nämlich getötet und gefressen zu werden. Tiere zu kastrieren und sie damit ihres Geschlechts- und Familienlebens zu berauben, wird nicht als Widerspruch zu einer artgemäßen und tiergerechten Haltung angesehen, denn bei den Nutz- und Heimtieren ist dies ja gängige Praxis. Vergessen wird dabei, dass der Mensch Rinder und Schweine als Lieferanten für Nahrungsmittel, Pferde als Sportgeräte, Katzen und Hunde als Ersatzsozialpartner in einer Single-Gesellschaft instrumentalisiert hat und dass sich ihre Bedürfnisse jenen des Menschen in einer Art und Weise unterordnen müssen, wie es bei Zootieren nicht der Fall ist.
        
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Filmhund Lassie (1965) Foto: State Archive of Florida
Das mangelnde Verständnis dafür, was ein Tier tatsächlich braucht und wie man seinen Befürfnissen gerecht werden kann, wird gefördert einerseits durch eine Tierrechts-Industrie, die in Verbindung mit Spendenaufrufen haltlose Behauptungen in die Welt setzt, welche dann von den Medien und manchen Politikerinnen unkritisch übernommen werden, andererseits durch Dokumentarfilme, die ein bisweilen unrealistisches Naturbild vermitteln und in denen gerne auch mal in Zoos oder Studios gefilmte Szenen oder zahme Tiere verwendet werden. Noch schlimmer sind Trick- und Spielfilme, in denen Mäuse und Enten sprechen können oder Delfine und Hunde intellektuelle Leistungen vollbringen, zu denen sie in Tat und Wahrheit nicht fähig sind.

§ 2 des deutschen Tierschutzgesetzes verpflichtet Personen, die Tiere halten, betreuen oder zu betreuen haben, die Tiere entsprechend ihrer Art und ihren Bedürfnissen angemessen zu ernähren, zu pflegen und sie verhaltensgerecht unterzubringen. Das Personal der VDZ-Zoos besteht aus Fachleuten - Zoologen, Tierärzten und Tierpflegern, die über die entsprechenden tiergartenbiologischen Kenntnisse verfügen. Auch die der Deutschen Tierparkgesellschaft oder dem Deutschen Wildgehegeverband angeschlossenen Einrichtungen verfügen zumindest über ausgebildete Tierpfleger. Bei Zookritikern mangelt es dagegen oft an Sachkenntnis darüber, was Tiere brauchen und wie den Bedürfnissen von Tieren in Menschenobhut entsprochen werden kann.

Auf den folgenden Seiten wird erläutert, mit welchen Haltungsansprüchen sich die Zoos zu befassen haben.

Literatur:

DOLLINGER, P. (Hrsg., 2010)
HEDIGER, H. (1977)
POLEY, D. (Hrsg., 1993)
POLEY, D. (1994)
SALZERT, W. (2010)
SCHREIBER, A. (2007)

PD - 28.09.2015

Gelesen 1562 mal Letzte Änderung am Montag, 05 Dezember 2016 07:46
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