Zur Geschichte der Zoos

Der Tiergarten Schönbrunn

Das Affenhaus, Baujahr 1906, im Tiergarten Schönbrunn Das Affenhaus, Baujahr 1906, im Tiergarten Schönbrunn
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

und seine Vorläufer

    
Ab 1662 entstand unter dem Franzosenkönig LUDWG dem XIV. mit der königlichen Menagerie am Schloss von Versailles eine architektonisch durchkomponierte Anlage für eine Tiersammlung, in deren Zentrum ein kleines barockes Lustschloss stand, von dem strahlenförmig sieben Tiergehege ausgingen. Diese diente als Vorbild für zahlreiche höfische Tierhaltungen.

 

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Der Kaiserpavillon im Tiergarten Schönbrunn © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
So ließ z.B. Kurfürst MAXIMILIAN III. um 1770 im Schlosspark von Nymphenburg Gehege für fremdländische Tiere einrichten, die aber bald wieder verschwanden. Auch König MAX I. von Bayern richtete 1809 in Nymphenburg eine Menagerie ein, die aber auch keinen Bestand hatte. (HIRSCH, F. & WIESNER, H., 1986)

In Österreich ließ Kaiser MAXIMILIAN II. 1552 beim Schloss Ebersdorf in der Nähe von Schwechat einen erstmals "Menagerie" genannten Tiergarten einrichten, in dem von Anfang an sowohl einheimische, wie exotische Tiere gehalten wurden, darunter der Asiatische Elefant "soliman", den er als Hochzeitsgeschenk aus Spanien mitgebracht hatte und der, wie damals üblich, die Reise zu Fuß zurückgelegt hatte. Ferner gab es Löwen, Affen, Bären, Luchse, Strauße und Papageien.
   
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Schloss Neugebäude - "Heute zu Tage dienet es zur Bewahrung allerhand ausländischer Thiere"
MAXIMILIAN II. erwarb auch 1569 die "Katterburg" auf dem Gelände des heutigen Schönbrunn und ließ dort einen Tiergarten einrichten, der vorab der Haltung von Wild und Geflügel und der Fischzucht diente. Um 1660 "sollen anietzo in die 700 Damhirsche darinnen lauffen." Schließlich richtete MAXIMILIAN II. auch auf Schloss Neugebäu(de), auf dem Gelände des heutigen Wiener Zentralfriedhofs einen "Platz vor die wilden Thiere" ein, wohin später auch die Tiere aus der Ebersdorfer Menagerie übersiedelten. Die Beschauer sahen dort aus Fenstern im ersten Stock eines zentralen Gebäudes in von Mauern umschlossene Höfe, in denen Löwen, Tiger, Leoparden, Bären und Luchse gehalten wurden (FIEDLER, W., 1966).

Hier soll sich der Sage nach ein Zwischenfall ereignet haben, der in die Literatur eingegangen ist:

Gugitz: Die Löwenbraut

Chamisso: Die Löwenbraut

       
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Die sieben Tierlogen der Menagerie des Prinzen Eugen beim Schloss Belvedere. Die Baumreihen sind z.T. heute noch erkennbar
Die neben Schönbrunn bekannteste höfischen Tierhaltungen dürften aber die 1718/19 erbaute Menagerie des Prinzen EUGEN im Oberen Belvederegarten in Wien gewesen sein (RIEKE-MÜLLER, A., 2010). Diese wurde nach Plänen Lukas von Hildebrandts gebaut und diente später der Schönbrunner Menagerie als direktes Vorbild. Um einen zentralen Teich waren kreissektorförmige Ausläufe gruppiert, die gegeneinander und nach hinten mit Mauern, gegen den Teich hin durch kunstvolle Gitter abgeschlossen waren. Am hinteren Ende jedes Geheges befand sich ein Tierhaus. Aus dieser Menagerie sind 38 gehaltene Arten (43 Formen) von Säugetieren und 49 Arten (67 Formen) von Vögeln bekannt. Nach dem Tod des Prinzen im Jahr 1736 wurde die Menagerie liquidiert.
        
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Das Wiener Hetztheater im 3. Bezirk
Ein Teil der Tiere ging in den Besitz des Kaisers über. "Einige, als Löwen, Tyger und andere Thiere, die man zum Hetzen gebrauchen kann, hatten gar das Schicksal, dass sie an eine gewisse Compagnie, welche für 100'000 fl. das Privilegium erhielte, in Wien dergleichen Hetzen allein anstellen zu dürffen, verkaufft und so dann fürs Geld gemartert wurden." (FIEDLER, W., 1966). Das Hetztheater war ein 3000 Personen fassendes Amphitheater, gelegen im 3. Bezirk an der heutigen Hetzgasse, wo Löwen, Tiger, Bären und andere Tiere von Ergötzen des johlenden Publikums von Hunden gehetzt wurden. Die hohen Eintrittspreise kamen übrigens der Armenkasse zugute. Als das Theater 1796 abbrannte verbot Kaiser FRANZ JOSEPH II. den Wiederaufbau, aber heute noch wird ein Vergnügen auf Wienerisch als "a Hetz" bezeichnet (KUNZE, G., 2000).
        
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Huftiergehege im Tiergarten Schönbrunn © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
FRANZ von Lothringen, der Gemahl von Kaiserin MARIA THERESIA, war naturkundlich interessiert und die Neugebäu-Menagerie war ihm zu klein und zu entlegen. Er beauftragte daher den Architekten Nicholas Jadot de Ville-Issey, im Garten des Schlosses Schönbrunn eine Menagerie zu errichten. Die Gesamtanlage wurde 1752 erbaut, der Pavillon wurde aber erst 1759 vollendet. JADOT de VILLE-ISSEY verwendete Pläne der Belvedere-Menagerie, baute aber um eine Nummer größer. Um den achteckigen Pavillon ordnete er 13 Logen an (12 für die Tiere, eine für die Menschen) , die ursprünglich gegeneinander und nach hinten durch Mauern begrenzt waren, die im 19. Jahrhundert durch Gitter ersetzt wurden. Die ursprünglichen Tierhäuser stehen zum Teil heute noch (FIEDLER, W., 1966).
        
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Huftiergehege im Tiergarten Schönbrunn modernisiert © Peter Dollinger, Zoo Office Bern
Am 29. Juli 1752 kamen die ersten Tiere an. Am 31. Juli führte Franz. I "einige Zuseher", darunter seine Kinder, durch die Menagerie, und dies gilt als das offizielle Eröffnungsdatum. Anfänglich diente die Menagerie nur dem naturwissenschaftlichen Interesse des Kaisers, der hier viel Zeit in dem mit Fresken geschmückten Pavillon verbrachte, und der Erholung seiner Familie. Sie konnte nur von geladenen Gästen "als besondere Gnade" besichtigt werden. Aber bereits 1779 wurde sie für die Wiener Bevölkerung bei freiem Eintritt geöffnet.

Legendär ist die Ankunft der ersten Giraffe, einem Geschenk des Vizekönigs von Ägypten, am 7. August 1828. Leider starb das Tier nach weniger als einem Jahr an Knochentuberkulose und konnte erst 23 Jahre später ersetzt werden. Am 20. Juli 1858 gab es dann erstmals Giraffennachwuchs. mehr

120 Jahre lang wurde kein Versuch unternommen, die Anlage zu verändern. 1879 ernannte Kaiser FRANZ JOSEPH den Autodidakten ALOIS KRAUS zum neunten Leiter der k.u.k. Menagerie. Dieser wollte die Anlage erweitern und riss 1889 die Radial- und Ringmauern der Logen ab. KRAUS verbesserte während seiner 40-jährigen Tätigkeit auch die Haltungsbedingungen der Tiere und steigerte die Attraktivität der Anlage für das Publikum. In einer "Beschreibung des Schönbrunner Thiergartens" aus dem Jahr 1902 ist zu lesen: "Der Thiergarten des kaiserlichen Lustschlosses ist in den letzten Jahren eine der hervorragendsten Stätten der Volksbildung und Volksbelustigung in ganz Österreich geworden." Im Jubiläumsjahr 1902 wurden 523 Säugetiere in 148 Arten, 1248 Vögeln in 324 Arten und 71 Reptilien in 24 Arten gehalten. Im Jahr 1906 wurde der erste Elefant geboren.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs beendete den Aufschwung. Tierpfleger wurden eingezogen, das Futter wurde knapp, der Tierbestand schrumpfte, viele Häuser standen leer, und dieser Trend setzte sich nach Kriegsende fort, so dass man 1921 erwog, die Tierhaltung zu liquidieren und in der Anlage eine Geflügelzucht einzurichten. Dies entsprach nun aber nicht den Intentionen der Wiener, die begannen, die Einrichtung mit Spenden zu unterstützen. 1921 wurde deshalb die ehemals kaiserliche Menagerie von der jungen Republik Österreich übernommen, die den Eintritt auch gleich gebührenpflichtig machte, aber im Gegenzug das Areal erweiterte.

1925, ein Jahr nachdem der bekannte Zoologe OTTO ANTONIUS Direktor geworden war (Biographie), wurde die "Menagerie" offiziell in "Tiergarten" umbenannt. Unter ANTONIUS wurden zahlreiche Neubauten errichtet, etwa die große Greifvogelvoliere (1926/27, und die Tierhaltung wurde entscheidend verbessert. 1926 fand erstmals in Wien eine Jahrestagung des VDZ (damals noch “Vereinigung der Direktoren Mitteleuropäischer Zoologischer Gärten“) statt. Nach dem Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich im Jahr 1938 wurde zwar viel Neues geplant, aber nichts realisiert. Der Zweite Weltkrieg brachte weitere Rückschläge. Besonders verheerend waren zwei Fliegerangriffe am der US-Amerikaner am 19. und 21. Februar 1945, bei denen der Tiergarten von über 300 Bomben getroffen wurde, die alle Tierhäuser vernichteten oder schwer beschädigten. Am 9. April 1945 marschierte die Rote Armee ein, die glücklicherweise dafür besorgt war, dass die überlebenden Tiere mit Futter versorgt werden konnten.

ANTONIUS schied bei der Besetzung Wiens durch die Sowjetarmee zusammen mit seiner Frau freiwillig aus dem Leben. Sein Nachfolger wurde der Tierarzt JULIUS BRACHETKA, der sein Amt bis 1952 ausübte und während dieser Zeit den Tiergarten von Trümmern befreite und wieder aufbaute. In der Folge kam es zu einer Erweiterung des Geländes und es konnten neue Anlagen erstellt werde, wie das Aquarium/Terrarium oder die verfelsten Bärenfreianlagen, aber die nachfolgenden Direktoren GLASER, FIEDLER und BÖCK litten unter der Tatsache, dass sie dem Schlosshauptmann von Schönbrunn unterstellt waren und sich mit Forderungen im Ministerium nicht durchsetzen konnten. Gelder, die der Zoo erwirtschaftete, mussten an das Finanzministerium abgeliefert werden. Die für den Betrieb erforderlichen Mittel wurden "der Budgetlage entsprechend" zugeteilt. Es wurde zwar etwas gebaut, aber die Sanierung vieler Tierhäuser und Gehegen wurde aufgeschoben. Der Park verkam immer mehr, was zu Protesten von Tierrechtlern und Tierschützern und immer wieder zu einem Rauschen im Blätterwald führte.

Ein von der Zooleitung geplanter Ausverkauf von Tieren veranlasste den Wirtschaftsminister WOLFGANG SCHÜSSEL Nägel mit Köpfen zu machen: Er legte einen Gesetzesentwurf vor, nach dem der Tiergarten aus der Bundesverwaltung ausgegliedert und in eine GmbH umgewandelt werden sollte. Dies wurde vom Parlament im Sommer 1991 abgesegnet. Nach einer internationalen Ausschreibung wurde der Tierarzt und Direktor des Alpenzoos Innsbruck, HELMUT PECHLANER, zum Geschäftsführer gewählt. Das Parlament genehmigte rund 600 Millionen Schilling für ein gewaltiges Bauprogramm, und damit konnte der Tiergarten Schönbrunn zu dem werden, was er heute ist einer der führenden Tiergärten der Welt und der meistbesuchte Zoo Europas. (KUNZE, G., 2000)

Literatur:
FIEDLER, W. (1966)
HIRSCH, F. & WIESNER, H. (1986)
KUNZE, G. (2000)
RIEKE-MÜLLER, A. (2010)

 

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